Der Feldsperling ist neue Nummer eins. Der Feldsperling machte im Vergleich zum Vorjahr zwei Plätze gut und ist auch im Waldviertel Gewinner der Wintervogelzählung 2017. Von René Denk

Von René Denk und Joachim Brand. Erstellt am 01. Februar 2017 (05:00)
Birdlife/Hannah Assil
Der Feldsperling ist laut Birdlife der häufigst gezählte Vogel in den Waldviertler Gärten.

Deutlich weniger Singvögel heuer und in den letzten Jahren nehmen die Menschen der Region wahr.

Richard Katzinger von den Zwettler Vogelfreunden im Ökokreis spricht von komplexen Zusammenhängen: „Die bisherigen Ergebnisse der Wintervogelzählung von Birdlife legen nahe, dass besonders der Bestand an Kohlmeisen deutlich niedriger ist als normal. Ähnlich wie im restlichen Mitteleuropa nehmen die Bestände vieler Singvogelarten auch bei uns leicht ab.“

Er betont aber gegenüber der NÖN, dass es viele Gründe geben könnte, warum es weniger Singvögel bei uns gibt. Einerseits könnten gute Nahrungsbedingungen dazu führen, dass die Vögel nicht so sehr auf die Fütterungen angewiesen seien, andererseits schwanken die Bestände je nachdem, ob größere Massen an „nordischen Wintergästen“ überhaupt nach Mitteleuropa vordringen. Andererseits könne es auch mit einer geringen Bruterfolgsrate zusammenhängen oder die Vögel seien einfach weiter Richtung Süden gezogen als bisher.

Viele Erklärungen für Rückgang plausibel

Warum die Singvogelbestände in Mitteleuropa leicht abnehmen? „Der Hänfling leidet zum Beispiel unter dem Rückgang von Wildkräutern in der Agrarlandschaft und viele Grünlinge sterben an einer Trichomonaden-Infektion. Sperlinge hingegen finden an neuen und renovierten Häusern oft keine Nistmöglichkeiten mehr. Der Verlust von Feldrainen, Brachen, Hecken, Feuchtflächen und anderen Habitatstrukturen durch ‚Kultivierung‘ der Landschaft ist sicherlich das größte Problem unserer heimischen Tierwelt. Die Behauptung, natürliche Beutegreifer seien die Wurzel allen Übels, greift da etwas zu kurz“, meint Katzinger.

Joachim Brand
An der Vogelzählung von BirdLife nahmen auch der Tierarzt Lukas Stobl,
Gartengestalter Günter Pichler und Ökokreis-Mitarbeiter Benjamin Watzl
teil.

Der Bezirk Zwettl unterscheide sich bei der Singvogelpopulation nicht besonders von den umliegenden Waldviertler Bezirken. Als Besonderheiten unter den Brutvögeln sind aber zum Beispiel der Raubwürger und der Wiesenpieper zu nennen. Auch bei den Wintergästen tauchen immer wieder Seltenheiten auf. So konnte heuer im Bezirk Waidhofen die erste Fichtenammer Niederösterreichs entdeckt werden.

Die Natur sei stets im Wandel, dadurch „kommen und gehen“ Vogelarten natürlich auch. Der Bezirk wurde in den letzten Jahren zum Beispiel von Seeadlern und Kolkraben wiederbesiedelt. „Völlig neu angesiedelt haben sich die Kanadagans und Nilgans, die beide ihre ersten Bruten in Niederösterreich im Waldviertel getätigt haben“, freut sich Katzinger.

Sichtungen noch nie so spärlich wie heuer

Helmut Gutmann aus Gerotten ist seit vielen Jahren im Vogelschutz aktiv. „Es ist wirklich seltsam, noch nie waren die Sichtungen so spärlich wie in diesem Jahr. Natürlich besuchen einige Haus- und Feldsperlinge sowie ein paar Meisen und Krähen unsere Futterstellen. Dennoch stellt sich die Frage nach den verbliebenen Exemplaren“, grübelt der engagierte Aktivist.

Für ihn und für alle Zwettler Vogelfreunde des Ökokreises sind viele Fragen offen. Als Lichblick zeigt er die Erfolge langjährigen Schutzbemühungen auf. Der seit vielen Jahrzehnten ausgestorbene Seeadler ist im Sommer mit zwei Brutpaaren im Bezirk Zwettl wieder heimisch. Als Wintergast sind im Umland noch immer die Rauhfußbussarde aus dem hohen Norden zu beobachten.

Richard Katzinger, privat
Vogelkundler Richard Katzinger betont im Gespräch mit der NÖN, dass die Bestandszahlen der Kohlmeisen klar niedriger sein dürften.

Tierarzt Lukas Strobl und Benjamin Watzl, beide aus Zwettl, gelten als profunde Kenner der Zwettler Vogelwelt. „ Die Vogelzählung von Bird LifeÖsterreich kann nur Trends aufzeigen. Und dieser Trend bestätigt bei vielen standorttreuen Vogelarten in diesem Winter einen Rückgang“, meinen die beiden Ornithologen. Dabei verwiesen sie auf kürzlich veröffentlichte Publikationen des Deutschen Naturschutzbundes, die ähnliche Beobachtungen aufzeigten.

Die Forderung nach Biotopschutz im Bereich der Kleingewässer, der Feldraine, der Uferböschungen sowie die Erhaltung der Wildhecken und des Altbaumbestandes hat für die Vogelwelt höchste Priorität.

„Es besteht kein Grund zur Besorgnis“

Birdlife präsentiert die Ergebnisse der Wintervogelzählung 2017 (Zahlen für das Waldviertel siehe Infobox), die von 6. bis 8. Jänner durchgeführt wurde. Dabei attestiert die Vogelschutzorganisation, dass es österreichweit „weniger Betrieb am Futterhäuschen“ gibt.

„Es besteht kein Grund zur Besorgnis,“ erklärt Gábor Wichmann, stellvertretender Geschäftsführer von BirdLife Österreich. „Dieser Rückgang an gezählten Vögeln ist vor allem auf die Höhlenbrüter - dazu gehören unter anderem Kohlmeise, Blaumeise und Kleiber – zurückzuführen. Sie wurden weniger häufig in den Gärten beobachtet und wenn, dann in kleineren Trupps.“

Richard Katzinger, privat
Der Grünfink belegt in der Winterzählung von Birdlife Platz 5 auf der Skala der häufigsten Singvögel bei den Vogelhäusern im Garten.

Ein Zusammenspiel an komplexen Faktoren dürfte dafür verantwortlich sein. „Das vergangene Frühjahr war nass und kalt, mit Schneefällen bis weit in den April hinein. Das führte zu einem schlechten Bruterfolg der Höhlenbrüter, der lokal sogar zu völligen Ausfällen der Kohl- und Blaumeisen Brut führte. Zudem fehlt den Höhlenbrütern zunehmend der Lebensraum, weil alte Baumbestände aus dem Siedlungsraum verschwinden.

Die Kohlmeise dürfte diesen Winter seltener nach Österreich eingeflogen sein. Ursache dafür ist die milde Witterung in den Herkunftsgebieten des beliebten Singvogels, wo die reiche Baumsamenmast die Vögel auch jetzt im Winter noch ausreichend mit Nahrung versorgt.“ Weiters weist Birdlife einen stabilen Bestand der Sperlinge und eine Erholung des Amselbestandes aus, Buschbrüter, wie Rotkehlchen, Zaunkönig oder Amsel würden sich gut halten.