Flucht: Als die Welle kam. Hilfsorganisationen und Flüchtlinge blicken auf die vergangenen fünf Jahre zurück.

Von Angelika Koll und Markus Füxl. Erstellt am 09. September 2020 (05:14)
Ieman Hesso und Abdo Burhan kamen 2015 nach Zwettl. Beide haben eine Arbeit gefunden und sich ihren Lebensmittelpunkt in der Bezirksstadt aufgebaut.
Markus Füxl

Die Flüchtlingswelle 2015, die über Europa rollte, bekam auch Zwettl zu spüren. Der Bezirk nahm Flüchtlinge auf und viele Freiwillige fanden sich, um die Integration für diese Menschen zu erleichtern und den Flüchtlingen bei vielen Amtswegen und Herausforderungen ihres neuen Lebens in Österreich zu helfen.

So wurde im Sommer 2015 der „Willkommen Mensch“-Verein in Zwettl unter Obmann Andreas Cermak gegründet, bei dem mehr als 50 Helfer mitwirkten. „Wir hatten sehr viel zu tun. Die ersten beiden Jahre waren intensiv“, blickt Cermak im NÖN-Gespräch heute zurück. Insgesamt haben er und weitere Freiwillige 42 Flüchtlinge betreut. Die meisten von ihnen kamen aus Syrien, Afghanistan und Somalien. „Wir haben geschaut, dass wir günstige Wohnungen auftreiben und sie bei Behördenwegen unterstützen“, erkärt Cermak.

Unter die Arme griffen ihm auch die Zwettler Wirtschaftstreibenden, so spendete etwa die Firma Eigl Brennmaterial, Krammer Möbel. „Es sind auch viele Private auf den Zug aufgesprungen und haben uns unterstützt“, sagt Cermak.

Nachdem er die Betreuung der Flüchtlinge 2018 an die Caritas übergeben hatte, löste sich der Verein schließlich auf. Kontakt hat Cermak aber noch immer zu seinen „Schäfchen“, so etwa mit Ieman Hesso aus Syrien. Ihr half der Zwettler bei der Führerscheinprüfung, erzählt sie: „Andreas hat gesagt: Ich helfe dir, weil du fleißig bist. Ohne ihn hätte ich das nicht geschafft“, berichtet Hesso freudestrahlend. Den ersten Teil ihrer Theorieprüfung bestand sie mit 98 von 100 Punkten, den zweiten mit 100. Seit 28. Juli besitzt sie ihre Lenkberechtigung.

Gelernter Tierarztassistent arbeitet als Koch

Vor ihrer Flucht aus Syrien machte Hesso ihren Bachelor in Pädagogischer Planung und Verwaltung. Seit Februar arbeitet sie als Betreuerin in der Caritas. Ihr Gatte Abdo war zuvor Tierarztassistent. Eine passende Stelle hat er nicht gefunden: „Dazu bräuchte ich besseres Deutsch“, sagt er. Außerdem gingen die Papiere mit weiteren wichtigen Dokumenten auf ihrem einmonatigen Fußmarsch von Syrien nach Wien verloren. Anfangs kochte Abdo Burhan im Café Leutold: „Ich habe syrische Speisen gemacht. Die Leute waren neugierig, es war immer viel reserviert“, sagt er. Seit 16. April kocht er im syrischen Lokal „Damaskino“ in der Hamerlingstraße.

Seit ihrer Ankunft ist die Familie um ein Mitglied gewachsen: Zwei Töchter besuchen die Private Neue Mittelschule, eine die Volksschule und die „Nachzüglerin“ die Kindergruppe Apfelbäumchen.

Groß Gerungs und Langschlag: 100 Menschen geholfen

„Etwa ein Drittel der Flüchtlinge ist geblieben“, meint Gerhard Fallent, Obmann des Vereins Willkommen Mensch in Groß Gerungs und Langschlag. Man habe bemerkt, dass das Bestreben, sich in die eigene Community zu begeben, stark ist. Außerdem komme ein Großteil der Geflüchteten aus Städten und nur wenige schätzen die Lebensqualität am Land. Der Verein Willkommen Mensch ist seit der Flüchtlingskrise schnell gewachsen. „In den fünf Jahren konnten wir etwa 100 Menschen kennenlernen“, erzählt Fallent.

Aufgaben haben sich geändert

Er berichtet auch, dass sich die Aufgabenbereiche gewandelt haben, so ging es anfangs darum, die Grundbedürfnisse zu erfüllen und die Integration voranzutreiben. Nun geht es für die Geflüchteten etwa darum, im Job erfolgreich zu sein. „Ein eigenständiges Einkommen zu generieren ist schwierig, aber die, die noch hier sind und arbeitsfähig, gehen einer Beschäftigung nach“, erwähnt Fallent.

Der ehrenamtliche Verein unterstützt hier auch weiterhin, indem er Gespräche mit den Geflüchteten und Arbeitgebern sucht. Im Gegensatz zu anderen Initiativen ist Willkommen Mensch immer noch aktiv und man habe sich eine gewisse Expertise aufgebaut. „Auch Fälle aus anderen Gebieten werden an uns herangetragen, wie komplizierte Asylverfahren“, freut sich Fallent.

Verein vereinte Mutter mit Kindern

Ein besonderer Fall war etwa, als der Verein es schaffte eine alleinerziehende Mutter wieder mit ihren zwei Kindern, die ihr abgenommen wurden, zu vereinen. Ein Höhepunkt der letzten Jahre war für Fallent auch, als man 2016 Bundessieger der Kampagne „Orte des Respekts“ wurde.

Besonders war für Fallent auch die Gastfreundschaft der Flüchtlinge, die er erleben durfte. „Es war für uns teilweise beschämend, wie wir bekocht wurden“, erzählt er, und es sei sehr interessant gewesen, ihre Geschichten zu hören und Kulturen kennenzulernen.

Vom Stoffhandel ins Sägewerk

Mittlerweile haben sich Geflüchtete, die geblieben sind, an das Leben in der Region angepasst. So etwa ein mittlerweile fast 50-jähriger Familienvater, der mit seiner ganzen Familie aus Aleppo kam, wo er ein wohlhabender Stoffhändler war. Mittlerweile arbeitet er im Sägewerk Kitzler, wo er harte Arbeiten erledigt. „Seine Figur hat sich angepasst“, schmunzelt Fallent. Bei seinen Kollegen sei er beliebt und er habe große Freude dort sein eigenes Geld verdienen zu können. Auch eine junge Dame aus der Mongolei hat ihren Platz gefunden und macht nun eine Erwachsenenlehre beim Wirtshaus Hirsch delikatESSEN — in ihrer Heimat hatte sie die Ausbildung zur Journalistin. Sie hat sich die Stelle sogar selbst gesucht, wie Fallent berichtet: „Sie hat zu uns gesagt ‘Ich habe mir gedacht, ich frage euch gar nicht und gehe in Groß Gerungs spazieren‘.“

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