Gerichtsprozess wegen Veruntreuung: Es steht „fifty-fifty“

Erstellt am 19. August 2022 | 04:30
Lesezeit: 3 Min
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Der Freispruch ist rechtskräftig.
Foto: Archiv
Freispruch, weil die Hauptzeugin nicht mehr vernehmbar war. Der Richter betonte: „Freispruch bedeutet nicht unschuldig.“
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Seit April dieses Jahres beschäftigt eine Anklage wegen Untreue und Veruntreuung einen Schöffensenat im Landesgericht Korneuburg unter Vorsitz von Richter Helmut Neumar schon. Das lag unter anderem am Verhalten der 56-jährigen Angeklagten aus Königsbach, die es im Zweifelsfall vorzog, die anberaumten Gerichtstermine nicht wahrzunehmen. Vorgeworfen wurde ihr von Staatsanwältin Katharina Schmid-Benner, dass sie vom Sparbuch ihrer Betreuungsperson (82) Bargeld in Höhe von etwa 14.000 Euro vereinbarungswidrig für eigene Zwecke behoben haben soll.

Da sie am ersten Verhandlungstag, am 1. April dieses Jahres, alle Vorwürfe in dem Sinne bestritt, dass sie zwar das Geld genommen habe, dieses aber zum Wohle der 82-Jährigen verwendet habe, um ihr ein Verbleiben in ihrem Haus in Klein-Engersdorf zu ermöglichen, musste die zwar geistig fitte, aber körperlich gebrechliche Seniorin einvernommen werden. Um die Transport- beziehungsweise Vernehmungsfähigkeit der betagten Frau festzustellen, vertagte Richter Neumar im April.

Leider hatte sich der Zustand der alten Dame in den Monaten des Prozesses verschlechtert, sodass Neumar im Protokoll festhalten musste, dass die 82-Jährige weder verhandlungs- noch vernehmungsfähig ist. Ohne die Aussage der Frau konnte der Satz der 56-Jährigen: „Nimm dir, was du brauchst, um mich versorgen zu können“, den die alte Dame zu ihr gesagt haben soll, nicht widerlegt werden. Das erleichterte Rudolf Lind sein Schlussplädoyer im Sinne seiner Mandantin. Sie habe gutgläubig angenommen, dass sie das darf. Deswegen sah er auch den Strafvorwurf „nicht mit notwendiger Sicherheit“ gegeben. Dieser Sichtweise schloss sich der Senat an und sprach die Frau im Zweifel frei. „Ein Freispruch heißt nicht, dass man unschuldig ist“, wies Neumar die 56-Jährige auf die Zweifel des Gerichts zu ihren Ungunsten hin. Aber es stehe „fifty-fifty“, und da die Hauptzeugin „aufgrund tragischer Umstände“ nicht mehr vernehmbar ist, war mit einem Freispruch vorzugehen. Dieser wurde nach dem Rechtsmittelverzicht der Staatsanwältin rechtskräftig.

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