Sorgenfalten wegen der Lieferengpässe am Bau. Die große Nachfrage an Baumaterial und Holz führt zu explodierenden Preisen und massiven Lieferengpässen.

Von Karin Pollak und Sebastian Dangl. Erstellt am 28. April 2021 (05:55)
Derzeit gibt es bei den Hartl-Haus-Baustellen – noch – keine Lieferengpässe.
Hartl Haus, Hartl Haus

Der derzeitige Bauboom sorgt nicht nur für Jubel, vermehrt gibt es Sorgenfalten bei den Bauunternehmern und den Zulieferern. Explodierende Preise und der Mangel an Baustoffen könnten für einen Stopp bei so manchen Baustellen führen. Mangelware sind bereits Kanalrohre, Dämmstoffe und Nägel. Die Holzpreise stiegen um bis zu 100 Prozent. Das Kalkulieren wird fast unmöglich.

Weltwirtschaft bremst – bewusst?

Johann Bayr, Raiffeisen-Lagerhaus Zwettl
RLH Zwettl, RLH Zwettl

Johann Bayr, Geschäftsführer des Lagerhauses Zwettl, ist noch guten Mutes: „Dort, wo vorbestellt worden ist, gibt es keine Lieferprobleme. Es gibt zwar schleppendere Lieferungen und teilweise auch erhöhte Preise, aber Riesenpanik braucht man nicht haben. Aber eines ist Fakt: Ich bin seit 43 Jahren im Geschäft und habe bisher noch nie erlebt, dass die Weltwirtschaft derart auf die Bremse gestiegen ist. Wichtig ist, dass wir arbeiten können und gesund bleiben.“

Kalkulationen fast unmöglich. Gerhard Zatl, der Geschäftsführer der Baufirma Schiller aus Grafenschlag, hat ebenfalls eine derartige Situation noch nie erlebt: „Bei manchen Produzenten spielt es sich verrückt ab. Jetzt wurde ein Bestellannahme-Stopp am Dämmstoffsektor verhängt. Man kann nicht einmal mehr vorreservieren. Unser Glück ist, dass wir schon vorausschauend wie die Wilden eingekauft haben.“ Wie diese Entwicklung weitergehen könnte, wird der Vorstand der Bau-Austria, dem Gerhard Zatl angehört, in einer Sitzung besprechen.

„Es ist ein Wahnsinn, was sich derzeit abspielt. Schnittholz, Eisen & Co. werden über Nacht massiv teurer, man weiß nicht mehr, wie man kalkulieren soll. Wenn das so weitergeht, dann gibt es nach dem Sommer das Horrorszenario und es müssen Baustopps wegen der fehlenden Baustoffe verhängt werden. Ich glaube fast, dass das alles ein bewusstes Spielchen ist, um die Preise nach oben zu treiben.“

Rene Zinner, Fessl-Bau, Zwettl
Fessl-Bau, Fessl-Bau

Dem kann Rene Zinner, Geschäftsführer von Fessl-Bau in Zwettl, nur beipflichten. Wegen extremer Lieferengpässe, sehr langen Lieferzeiten und der Verdoppelung von Preisen müssen Firmen ihre Baustellen stilllegen. „Diese Probleme sind den Einkaufsstrategien geschuldet. In Asien und Amerika gibt es einen starken Aufschwung, und darauf hat sich die Industrie geschmissen, der europäische Markt ist nicht mehr interessant.“

Keine Kanalrohre, kein Dämmstoff. Diese Vorgangsweise gebe es aktuell bei Dämmstoffen, wo es einen eklatanten Mangel gibt. Seit wenigen Tagen ist das auch bei den PVC-Kanalrohren so. „Ein Industriebetrieb musste wegen der fehlenden Rohstoffe die Produktion einstellen. Hamsterkäufe sind die Folge, was wiederum dem Markt schadet.“

Viele neue Bauprojekte, die jetzt vor der Realisierung stehen, seien nur schwer oder gar nicht umzusetzen, die wirtschaftlichen Auswirkungen noch gar nicht absehbar. „Das ist ein wirtschaftliches Desaster. Gegenüber dem Vorjahr haben sich die Bauprojekte schon um sechs Prozent verteuert.“

Diese Situation habe sich in kleinen Schritten angekündigt, dass es jetzt aber so extrem ist, sei nicht absehbar gewesen. „Wir versuchen alles, um die Materialien zu bekommen, und sind zuversichtlich, dass wir bis zum Sommer alle bestehenden Aufträge abarbeiten können. Was mit neuen Aufträgen passiert, ist noch unklar.“

Sägewerke gefragt. Beim Sägewerk Hahn in Rappottenstein laufe laut Günther Hahn die Produktion auf Hochtouren. „Beim Rohstoff Holz führen die vielen Aufträge zu verlängerten Lieferzeiten von bis zu sechs Wochen. Vor dem Bauboom bekamen wir das Holz innerhalb von zwei Wochen.“

Holz ist überhaupt ein stark nachgefragter Baustoff, mittlerweile auch bei mehrgeschossigen Großprojekten. „Im Westen Österreichs wird das Rundholz daher schon knapp, wir im Osten profitieren von der Nähe zu Tschechien. Aber bei uns wird es derzeit mit dem Schnittholz eng. Die Sägewerke sind ausgelastet wie noch nie nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese haben nach einer langen Durststrecke, wo viele Sägewerke weggebrochen sind, seit drei Jahren ein wirklich sehr gutes Geschäft. Sie kommen aber mit der Arbeit kaum noch nach. Daher ist der Schnittholzpreis bereits um 100 Prozent gestiegen.“

Häuslbauer, die jetzt bauen wollen, könnten laut Hahn ein Problem haben: „Entweder ist das Projekt gar nicht zum Umsetzen oder es wird extrem teurer. Glücklich können sich jene schätzen, die im Februar oder März ihr geplantes Haus mit einem Fixpreis vergeben haben.“

Werner Jungwirth, Betonwerk, Rappottenstein.
Lukas Lorenz, Lukas Lorenz

Beim Betonwarenproduzenten Jungwirth in Rappotten-stein wurde Vorsorge getroffen, die Lager seien voll. Werner Jungwirth erklärt sich die aktuellen Probleme so: „Die massiven Lieferengpässe dürften durch das Zusammenspiel zweier Faktoren gekommen sein: Zum einen gibt es Kurzarbeit in der Industrie, zum anderen werden zusätzliche Corona-Förderung für das Bauen vergeben.

Dadurch ist auch die Nachfrage an unseren Betonwaren immens hoch. Normalerweise liefern wir unsere Produkte innerhalb von drei, vier Monaten aus, jetzt sind wir bei Lieferterminen im September. Diese chaotischen Bedingungen wird es bis 2022 geben“, meint Jungwirth.

Dazu zählen auch die massiv steigenden Rohstoffpreise. „Das wird sich aber regulieren, viele werden mit dem Bauen warten.“ Jungwirth ist überzeugt, dass die Extremsituation in der Bauwirtschaft durch die Industrie künstlich hervorgerufen worden sei. „Die Industrie gibt vor, was und wohin geliefert wird.“

Jetzt zeige sich, dass Europa bei vielen Produkten nur den Vertrieb übernimmt, produziert werde in China. „Die Chinesen spielen sich mit uns, wir waren in den letzten Jahren dumm genug, um das zuzulassen“, sagt der Beton-Experte. Auch die EU trage einen großen Part zur angespannten Situation bei. Jungwirth hat dazu ein Beispiel: „Da wurde die Einfuhr von Nageldraht verboten. Jetzt liegt das Chaos am Tisch, wir bekommen keine Nägel mehr.“

Politische Lösungen gefragt. Selbst beim Waldviertler Fertigteilhaushersteller Hartl Haus blieb man von der Entwicklung der letzten Monate nicht verschont. „Wir bemerken das vor allem bei Holz, Holzprodukten und Dämmstoffen“, berichtet Geschäftsführer Yves Suter.

Yves Suter, Hartl-Haus, Echsenbach
Hartl Haus

Aufgrund der vielen regionalen Partner sei Hartl-Haus momentan noch auf der sicheren Seite, Lieferausfälle oder Verzögerungen müsse man aktuell nicht befürchten. Es wird allerdings spannend, in welche Richtung sich die Situation entwickeln wird. Lösungsansätze könnten bald gefragt sein. „Österreich hat erstklassiges Know-how und Qualität. Diese Qualität muss im eigenen Land und in der Region bleiben. Ein Ausverkauf und Preisschlachten dürfen hier nicht passieren.“ Auch wenn es nicht die Lösung für alle Probleme darstelle, würden regionale Lieferanten und Partner ein Schritt in die richtige Richtung sein. „Um das Problem dauerhaft anzugehen, braucht es politische Lösungen.“

Umfrage beendet

  • Boom: Ist Baumaterial mittlerweile zu teuer?


Umfrage beendet

  • Lieferengpässe und Preiserhöhungen bei Baustoffen: Habt auch ihr Probleme bei Projekten?