„Viele verschieben ihre Leistungsgrenze nach oben“. Durch die Covid-Pandemie wurde auch im Landesklinikum Zwettl der Arbeitsalltag der Mitarbeiter ordentlich durcheinandergewirbelt. Dort werden Covid-Patienten betreut, eine Interne Station wurde mittlerweile zu einer „Corona-Station“ umgewandelt. Der Zwettler NÖN-Redaktionsleiter Markus Füxl bat vier der 700 Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen am Klinikum, von ihrem neuen Alltag, ihren Herausforderungen und auch ihren Ängsten im Umgang mit dem Virus zu erzählen. Heute: Michael Hirschl, Leiter der Inneren Medizin.

Von NÖN Redaktion. Update am 02. Dezember 2020 (05:43)
Michael Hirschl, Leiter der Inneren Medizin (derzeit Covid-Station)
Landesklinikum Zwettl

Michael Hirschl, Leiter der Inneren Medizin(derzeit Covid-Station):

„Weil die Chirurgie zur Covid-Station wurde, ist unser Alltag nicht mehr mit früher vergleichbar. Eine Visite auf einer Covidstation dauert zwei bis drei Stunden, während das auf einer normalen internistischen Station in einer bis eineinhalb Stunden abgehandelt ist. Dadurch haben wir auch einen zusätzlichen Arbeits- und Personalaufwand.

Die Covidstation wird quasi als Isolationsstation geführt – es gibt spezielle Vorschriften, wie Mitarbeiter in die Zimmer hineingehen und wie Flächen, Türschnallen und Böden desinfiziert werden. Die Schutzausrüstung wird nach dem Besuch in jedem Zimmer gewechselt. Wir sind bestrebt, alles möglichst sauber und ordentlich zu halten, damit der Virus nicht auf Mitarbeiter übertragen wird. Davor fürchten wir uns am meisten, denn wenn Mitarbeiter erkranken, ist das System schwierig aufrecht zu erhalten.

Wenn man in der Schutzkleidung arbeitet, steigt die körperliche Belastung um 100 Prozent. Man schwitzt schon nach einer Stunde extrem. Wir bekommen auf unserer Station auch Hilfe von nicht internistischen Abteilungen. Uns unterstützen Orthopäden, Chirurgen und Kinderärzte, die Solidarität ist wirklich erfreulich. Es besteht der Wunsch, die Situation gemeinsam zu einem Ende zu bringen, wobei das noch nicht ganz absehbar ist.

Wenn man sich im Krankenhaus an die sehr strikten Vorschriften hält, ist das Ansteckungsrisiko nicht höher als sonst. Wenn ich zwölf Stunden lang in der Pflege Tätigkeiten verrichte und mich an- und ausziehe, ist das Risiko für Fehler natürlich höher. Wenn Menschen müde werden, steigt die Fehlerquote und damit das Risiko, sich anzustecken. Bei uns im Haus gibt es aber eine kontrollierte Situation, es funktioniert sehr gut.

Aktuell ist vieles anders als noch vor einem Jahr: Wir wissen zwar, was auf uns zukommt, aber nicht, wie lange es dauert. Auch, ob wir pro Tag einen oder zehn neue Patienten aufnehmen müssen, ist nicht planbar. Im Herbst ist es üblich, dass Infektionen, Lungenentzündungen und vielleicht auch die Influenza steigen. Bei Corona haben wir aber keine Erfahrungswerte. Prognosen und Rechnungen sind schön, aber nicht immer die Realität. Viele Mitarbeiter haben die verständliche Sorge, dass sie Covid mit nach Hause nehmen. Es gibt viele Ärzte, deren Ehefrauen Lehrerinnen sind, da besteht die Sorge auf beiden Seiten. Das ist auch eine Belastung im privaten Bereich, unabhängig davon, wieviel Zeit man aktuell in der Arbeit verbringt. Das hängt auch mit weitreichenderen Konsequenzen zusammen, als es sonst der Fall ist: Nämlich mit einer Quarantäne.

Natürlich gibt es auch Grenzen in der täglichen Arbeit: Zum einen sind das Kapazitäten bei den Räumlichkeiten. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Ein Limit ist auch die Zahl der möglichen Betten und des Personals. Ich muss auf Holz klopfen, denn bei uns ist die Zahl der Krankenstände aktuell sehr gering. In der aktuellen Situation verschieben viele Mitarbeiter ihre Leistungsgrenze nach oben. Was das für den Einzelnen in drei bis fünf Monaten bedeutet, wage ich nicht abzuschätzen. Ich bin aber überzeugt, dass es bei allen Spuren hinterlässt.