Widermann: „Kein Grund für frühen Jubel!“. Bezirkshauptmann Michael Widermann im NÖN-Interview über zornige Anrufe, illegale Partys und leicht sinkende Ansteckungszahlen.

Von NÖN Redaktion und Markus Füxl. Erstellt am 03. Februar 2021 (03:03)
Bezirkshauptmann Michael Widermann analysiert mit der NÖN die aktuellen Coronazahlen: Die 7-Tages-Inzidenz sinkt, jetzt heißt es aber dranbleiben, sonst wären auch verspätete Lockerungsschritte für den Bezirk Zwettl denkbar, pocht Widermann auf das Einhalten der Corona-Maßnahmen.
Markus Füxl

Michael Widermann: Nein, hätte mir damals jemand gesagt, wie es im Winter aussieht, hätten wir es ihm nicht geglaubt. Wir haben die erste Welle im Bezirk Zwettl relativ gut überstanden. Was ab September auf uns zugekommen ist, war höchst überraschend und herausfordernd.

Gab es den Moment, in dem Sie dachten: Wir schaffen das nicht mehr?

Widermann: Den gab es nicht. Wir waren teilweise aber an der Grenze des Machbaren. Als die Zahlen im September nach oben gingen, waren wir ja schon ein halbes Jahr lang im Einsatz. Wir mussten umstellen und pro Tag zwei Teams einsetzen, die Einsatzintervalle wurden kürzer. Glücklicherweise bekamen wir auch Unterstützung vom Land und Bundesheer. Diese Helfer sind noch immer im Einsatz.

Wenn man den Lockdown des Frühjahrs mit dem aktuellen vergleicht, dann wirkt es so, dass die Disziplin zuhause zu bleiben und sich von den Mitmenschen abzuschotten, abgenommen hat. Ist das auch Ihr Eindruck?

Widermann: Ja, ich führe das auf Folgendes zurück: Der Bezirk war von der ersten Welle relativ schwach betroffen. Manch einer wird sich gedacht haben, dass es uns nicht so sehr erwischen kann. Gemeinsam mit der flachen Kurve in den Sommer hinein ist sicher ein gewisser Leichtsinn dazugekommen. Wenn dann noch Lockdown auf Lockdown folgt, kommt eine Müdigkeit hinzu. Die aktuellen Maßnahmen haben wir aber nicht, weil sich das die Politiker so einbilden. Sie mussten so verfügen: Nicht die Politiker haben uns im Griff, sondern das Virus. Das ist bei vielen noch nicht durchgesickert.

Es fällt auf, dass sich in der Bevölkerung immer mehr Gruppen auftun. Da gibt es die Verschwörungstheoretiker, Menschen, die sich an die Maßnahmen halten und auch Leute, die Angst vor dem Virus haben und sich völlig abschotten. Besteht die Gefahr, dass sich innerhalb der Bevölkerung Gräben auftun?

Widermann: Es gibt tatsächlich Unterschiede in den Gruppen. Ich habe kürzlich mit einem Unternehmer aus dem Bezirk telefoniert. Er hält sich peinlichst genau an alle Maßnahmen und ist zornig, wenn er mitbekommt, dass es Demos gibt, in denen sich Leute wegen einer Maske oder dem Stich einer Nadel in ihren Grundrechten beeinträchtigt fühlen. Dass es so weit geht, dass sich hier aber wirkliche Gräben auftun, hoffe ich nicht.

Auch in Zwettl gab es bereits solche Veranstaltungen. Wie beurteilen Sie diese „Coronademos“?

Widermann: Das Recht, sich zu versammeln und die Meinung kund zu tun, steht in der Verfassung. Für mich ist es aber nicht ganz nachvollziehbar, dass in der Bewertung der Rechte die Pandemiesituation nicht mit einfließt. Ich halte es für bedenklich, wenn wir täglich steigende Infektionszahlen haben und Menschen gleichzeitig sagen: Unser Versammlungsrecht geht über alles. Da müsste eine andere Bewertung getroffen und gesagt werden: Solange wir solche Umstände haben, ist das Versammlungsrecht eingeschränkt. Wenn das alles vorbei ist, können die Menschen dann von mir aus dreimal in der Woche demonstrieren.

Es gab wöchentliche Videokonferenzen der Bezirkshauptleute mit dem Gesundheitsminister. Von Regierungsseite sind dann trotzdem immer wieder Überraschungen auf die lokalen Behörden zugekommen. Wie bewerten Sie den Informationsfluss zwischen Bund und lokalen Behörden?

Widermann: Es war ein Lernprozess, sagen wir so. Am Anfang war es eine vollkommen neue Situation für die Politiker. Wenn am Freitagabend etwas diskutiert wird und am Montag die Umsetzung doch wieder anders aussieht, ist es für uns natürlich schwierig. Gleichzeitig muss man sagen: Hätten die Politiker nicht laufend die neuen Erkenntnisse miteinfließen lassen, hätten wir am Montag keine aktuellen Vorschriften gehabt.

Langsam aber doch nimmt die Impfkampagne Fahrt auf. Welche Aufgaben kommen auf die BH zu?

Widermann: Mit der Impfung direkt sehr wenig. Wir sind weder in Organisation, noch in den Ablauf eingebunden. Lediglich wenn es doch vereinzelt Impfreaktionen geben sollte, ist die Gesundheitsbehörde damit befasst.

Werden Sie sich impfen lassen?

Widermann: Auf jeden Fall.

Die BH stellt die Absonderungsbescheide aus. Zieht man sich da zwangsläufig den Unmut der Betroffenen zu?

Widermann: Das hat sich teilweise verschlimmert: Am Anfang war es für die Betroffenen vollkommen neu. Wenn da die Behörde anruft, verfallen viele in eine Schockstarre. Nachdem die Situation länger angedauert hat, ist immer mehr Unmut aufgekommen. Es gab auch Situationen, in denen uns Leute am Telefon geschimpft haben. Das war für unsere Mitarbeiter belastend. Der Großteil war sehr verständnisvoll, diese Ausreißer gab es aber auch.

Stichwort Ausreißer: Es gibt Betroffene, die einen Absonderungsbescheid bekommen, aber nicht alle Kontaktpersonen angeben, um Freunden keine Quarantäne umzuhängen. Gibt es da eine Taktik, wie man solchen Leuten auf die Schliche kommt?

Widermann: Wir hatten den Fall bei einer Geburtstagsfeier: Dort gab es einen positiv Getesteten. Nach der ersten Befragungsrunde war das Bild folgendermaßen: Niemand hat ihn eingeladen, keiner hat mit ihm geredet, oder ist bei ihm gesessen. Erst als wir darauf aufmerksam gemacht haben, dass Lügen vor der Behörde strafbar sind, haben sich Kontakte herausgestellt.

Gibt es im Bezirk Probleme mit illegalen Partys?

Widermann: Ich will nicht blauäugig sein: Diese Partys hat es sicher gegeben. Wir sind vereinzelt darüber informiert worden, sind dem nachgegangen und auch eingeschritten, wo es notwendig war. Mir ist klar, dass die Politik größte Scheu davor hat, sich in den Privatbereich einzumischen. Besondere Umstände erfordern aber besondere Maßnahmen. Da wäre es aus meiner Sicht notwendig gewesen, über Möglichkeiten, in den Privatbereich einzugreifen, zu diskutieren – natürlich mit Vorsichtsmaßnahmen, damit es nicht zum Herumschnüffeln kommt. Wenn ich vor einem Haus mehrere Autos sehe, drinnen Licht und Musik ist und man genau weiß, was sich dort abspielt und die zeigen mir die Zunge, weil ich nicht in die privaten Räumlichkeiten darf, dann habe ich ein Verständnisproblem, dass da die Behörde nicht einschreiten darf.

Zwettl war lange Zeit über niederösterreichweit der Bezirk mit der höchsten 7-Tages-Inzidenz. Zuletzt gingen die Zahlen zurück. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Widermann: Vor zwei Wochen lag die wöchentliche Neuinfektionsrate bei über 200, aktuell sind wir bei 136. Die Infektionszahlen sind langsam im Sinken begriffen. Das ist aber noch kein Grund für verfrühten Jubel. Mit den neuen Mutationen kann es schnell wieder raufgehen. Es sollten weiterhin alle Maßnahmen eingehalten werden: Hände waschen, Abstand halten und einen Mund-Nasenschutz tragen.

Sie haben zuletzt davor gewarnt, dass bei zu hohen Zahlen etwaige Lockerungsschritte im Bezirk Zwettl später greifen, als im Rest des Landes. Gibt es von Bundesseite solche Überlegungen?

Widermann: Das ist aktuell nicht im Gespräch, ich halte es aber für möglich. Denken wir an die Coronaampel: Am Anfang war das Bild in Österreich sehr differenziert, es gab alle Farben von Rot bis Grün. Derzeit beurteilt die Kommission die Lage in Österreich aufgrund der sehr indifferenten Situation einheitlich mit Rot. Wenn sich das Bild lockert, kann es den umgekehrten Weg gehen. Dann ist es vorstellbar, dass, wenn ein Hotspot bleibt, andere Bezirke schon gelockert werden, aber die absolut Unbelehrbaren weiter Maskenpflichten einhalten müssen. Man sollte das bei der Frage: „Wie verhalte ich mich richtig?“ auf jeden Fall miteinfließen lassen. Interview: Markus Füxl