Im Ozean mit den Walen tauchen

Einmal mit Walen zu tauchen ist der größte Wunsch des Protagonisten im neuen Roman des Zwettlers David Bröderbauer.

Erstellt am 06. November 2020 | 05:05
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
440_0008_7967601_zwe45zwettl_waltauchen_portrait_c_matth.jpg
Der Zwettler Autor David Bröderbauer veröffentlichte einen neuen Roman.
Foto: Matthias Guido Braudisch

Welche Gedanken gehen einem Mann durch den Kopf, der in einem abgesonderten Raum einer Urologen-Praxis sitzt und eine Sperma-Probe abgeben soll, damit seine Zeugungsfähigkeit geprüft werden kann?

Der Ich-Erzähler in David Bröderbauers neuem Roman „Waltauchen“ reflektiert in dieser Ausnahmesituation über seine Lebensjahre, seine Kindheit und Jugend, die er mit den Eltern und dem Bruder im „Hochland“ – wohl eine Metapher für das Waldviertel – verbrachte, über die Studienzeit in der Stadt, über seine Beziehung zu anderen Menschen. Bröderbauer wechselt zwischen den Zeitformen, lässt den Protagonisten als Ich-Erzähler im Perfekt sprechen, schreibt jedoch im Präsens, wenn er über ihn in der dritten Person berichtet. Die Entwicklung vom Knaben zum pubertierenden Jüngling und schließlich zum erwachsenen Mann schildert der Autor mit großem Einfühlungsvermögen.

Die Zentralfigur bleibt namenlos, wird konsequent nur als „ich“ oder „er“ angeführt. Zu Beginn ist „er“ ein introvertiertes Kind, das sich gerne in sein Zimmer zurückzieht, sich oft deplatziert und nirgendwo zugehörig fühlt. Einmal mit Walen im Ozean tauchen zu können, ist der größte Wunsch des Buben, der ihn nicht mehr loslässt.

Im Heranreifen zum jungen Mann entwickelt er eine differenzierte Sichtweise der Männlichkeit, die nicht den üblichen Rollenbildern entspricht. Er ist ein Einzelgänger, trainiert immer wieder das Tauchen. Mit Mädchen weiß er nicht wirklich umzugehen, hält daher Distanz. Das Mädchen Vera – im Roman lange Zeit die einzige Person, die einen Namen hat – holt ihn allmählich aus seiner Einsamkeit, unterstützt ihn auch beim Apnoe-Tauchen und kann ihn schließlich motivieren, mit ihr und einer Gruppe junger Menschen, die er flüchtig kennt, nach Sardinien zu fahren.

Der Sprachstil des Romans fesselt

Ab diesem Zeitpunkt haben diese neun Mädchen und Burschen, mit denen er ans Mittelmeer reist, auch Namen, nur der Protagonist selbst bleibt ohne Namensnennung. Auf der Insel Sardinien wird endlich sein großer Lebenstraum wahr, er gelangt ans Ziel seiner Wünsche und strebt – im doppelten Sinn – dem Höhepunkt zu. Allein die Frage, ob er Vater werden kann, bleibt offen.

Die sensible Beobachtung menschlicher Empfindungswelten, fundiert durchdachte Überlegungen zu Grenzen von Lebensphasen, die detaillierte Beschreibung des Apnoe-Tauchens oder die fabelhafte Schilderung einer Abenddämmerung faszinieren in diesem Bildungsroman. David Bröderbauers Sprachstil mit eigenwilliger Zeichensetzung ist fesselnd, man legt das Buch nicht aus der Hand, ehe man es gelesen hat.