Stadtgeschichte von Zwettl neu aufgerollt

Erstellt am 14. August 2022 | 04:56
Lesezeit: 4 Min
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Bei einem Besuch im Zwettler Stadtarchiv überzeugte sich Landesrat Ludwig Schleritzko (2. v. l.) von den historischen Schätzen. Mit im Bild: Roman Zehetmayer (Leiter NÖ Landesarchiv), Bürgermeister Franz Mold und Stadtarchivarin Elisabeth Moll (v. l.).
Foto: Stadtgemeinde Zwettl
Das Zwettler Stadtarchiv nimmt bei Historikern eine Vorbildfunktion ein. Dank Transkription stehen 470 Jahre Stadtgeschichte online für alle Interessierten zur Verfügung.
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Mit der Transkription von Ratsprotokollen aus 470 Jahren bietet das Zwettler Stadtarchiv einen einzigartigen Fundus für Forschungsarbeiten. Landesrat Ludwig Schleritzko überzeugte sich von der spannenden Stadtgeschichte.

Mit seinen Digitalisierungen und Forschungen nimmt das Stadtarchiv Zwettl bei vielen Historikern eine Vorbildfunktion ein. Stadtarchivarin Elisabeth Moll begrüßte Landesrat Ludwig Schleritzko und ging mit ihm auf Spurensuche der Zwettler Stadtgeschichte.

Das Stadtarchiv dokumentiert die Geschichte der Stadt und der Region von den Anfängen bis in die Gegenwart. Das älteste erhaltene Dokument ist eine Urkunde aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Mit seinen zahlreichen historischen Dokumenten der Stadtverwaltung, die teilweise bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, fungiert das Archiv als „Gedächtnis der Stadt und Region“.

Zank zwischen Pfarrer und Schlosser

Besonders die Transkriptionen der Ratsprotokolle sind ein einzigartiges Projekt. In den Ratsprotokollen wurden die Mitschriften von den Sitzungen des Stadtrates gesammelt. Sie zeichnen somit ein buntes Bild der Vergangenheit. In ihnen sind sowohl städtischer Alltag und Ordnung des Gemeinwesens als auch Konflikte und Gerichtsangelegenheiten dokumentiert. „In früherer Zeit ist man wegen allen möglichen Kleinigkeiten zu Gericht gegangen, weil die persönliche Ehre einen anderen Stellenwert hatte als heute“, erklärt Moll.

Betrunkene Bürgersöhne, zänkische Weiber und randalierende Handwerksburschen störten die Ruhe in der Stadt. Als etwa Zwettls erste Schule, das „Schubert Stüberl“, verkauft wurde, zog der Schlosser Matthias Klinger ein, der mit seinem Handwerk Lärm erzeugte und Schweine hielt. Es gab deshalb einen massiven Konflikt zwischen dem Pfarrer Dominik Ertl und Klinger. Das Kreisland entschied schließlich, dass in diesem Haus weder ein Gewerbe betrieben werden darf, das Lärm erzeugt, noch dass in dem Haus Schweine gehalten werden dürfen.

Diese alten handschriftlichen Texte der Ratsprotokolle wurden in mühsamer Kleinarbeit in digitale Textdokumente übertragen und seit 2004 online gestellt.

470 Jahre Geschichte per Mausklick zugänglich

Damit sind die historischen Texte weltweit abrufbar und für alle Interessenten leicht und vor allem auch gratis zugänglich. Mit Jahreswechsel 2020/21 konnte dieses Projekt, das in den 1990er-Jahren begonnen wurde, abgeschlossen werden. Nun stehen mit allen transkribierten Ratsprotokollen rund 470 Jahre Zwettler Geschichte online zur Verfügung. Sie stoßen auch in Fachkreisen auf breite Akzeptanz und bilden bis heute die Grundlage für zahlreiche Forschungsarbeiten, wie beispielsweise für das Projekt „Stadtgeschichte Zwettl“.

Dieses einzigartige Forschungsprojekt startete Mitte 2018 in Zusammenarbeit zwischen dem Stadtarchiv Zwettl und dem „Netzwerk Geschichte“ und wird durch das Land Niederösterreich gefördert. Die Stadtarchivare und rund 20 Wissenschaftler arbeiten die Geschichte Zwettls in vier Epochenblöcken auf, schließen Lücken und bringen das Wissen auf den aktuellen Stand der Geschichtsforschung. So entsteht Schritt für Schritt eine exemplarische Stadtgeschichte – also Zwettl als „typische“ Stadt Niederösterreichs.

Dem guten Ruf des Stadtarchivs ist es zu verdanken, dass immer wieder wertvolle Vor- und Nachlässe zur Übernahme angeboten werden. So finden sich zahlreiche interessante Sammlungen in den Beständen.

Aus Spitalszimmern wurde Archiv

Die Geschichte des Stadtarchivs selbst ist eine spannende: Die ersten Hinweise auf ein Archiv in der Stadt finden sich im Ratsprotokoll vom 8. Mai 1601. Nach mehreren „Übersiedelungen“ fand das Archiv 1982 mit dem Stadtamt im ehemaligen Krankenhaus in der Gartenstraße ein neues Zuhause, wo ihm 1986 ein eigener Bereich eingeräumt wurde. Man adaptierte die ehemaligen Dienstzimmer der Spitalsärzte im Dachgeschoß.

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