Interview mit Konrad Ernstbrunner: Arzt in Ruhe, aber gefragt

Die Corona-Expertise von Konrad Ernstbrunner wird nach wie vor geschätzt.

Erstellt am 14. Januar 2022 | 05:18
Lesezeit: 6 Min
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Konrad und Ingrid Ernstbrunner führten bis zum Vorjahr die Ordination in Groß Gerungs, aber das Medizinische lässt sie bis heute nicht los.
Foto: AdelheidKamin

Konrad Ernstbrunner ist seit Juli 2021 im Ruhestand – und dennoch ist seine Expertise nach wie vor gefragt, gerade jetzt in der Corona-Pandemie. Menschen treten an ihn heran, teilen ihm ihre Ängste bezüglich der Impfung mit – und der frühere Allgemeinmediziner klärt auf und informiert. Die NÖN sprach mit ihm und seiner Frau Ingrid, ebenfalls Ärztin, über die Impfung, die Ausnahmesituation in der beginnenden Corona-Pandemie – und was unbedingt notwendig ist, um eine tiefe Spaltung in der Gesellschaft zu verhindern.

NÖN: Wie geht es Ihnen jetzt, im Ruhestand?

Konrad Ernstbrunner: Das Wunderbare ist, dass ich den Faktor Zeit genießen kann. In den ersten 15 Jahren und dann in der beginnenden Corona-Pandemie waren wir Tag und Nacht erreichbar, jetzt kann ich alles mit Ruhe machen. Aber natürlich, die Menschen und die Begegnungen fehlen.

Ingrid Ernstbrunner: Das leben wir jetzt beim Einkaufen aus.

Konrad Ernstbrunner: Ich brauche für drei Sachen drei Stunden (beide lachen). Wenn du 40 Jahre hier lebst, dann kennst du die Menschen und ihre Sorgen und man hat eine enge Beziehung mit ihnen.

Im März 2020 waren Sie beide voll berufstätig: Wie haben Sie die beginnende Corona-Pandemie erlebt?

Konrad Ernstbrunner: Es war völlig neu, überhaupt am Anfang, wo wir selbst Angst gehabt haben. Das Virus war sehr bedrohlich: Ein Kollege aus der Horner Gegend ist gestorben, er war in meinem Alter.

Ingrid Ernstbrunner: Und wir hatten noch nicht alles, Schutzanzüge fehlten zum Beispiel. Wir Mediziner haben uns aber wirklich gegenseitig geholfen. Wir haben außerdem die ganze Ordination auf den Kopf gestellt und alle Wege neu durchdacht.

Konrad Ernstbrunner: Auch die Art und Weise, wie wir die Patienten hereingelassen haben, war anders. Wir haben damals noch keine Tests gehabt, unsere einzigen Anhaltspunkte waren die Symptome. Als wir in der Garage mit voller Montur Schnelltests machen konnten, haben wir wieder Medizin machen können. Die Betreuung der Krebspatienten war zum Beispiel vorher wirklich reduziert. Aber mit meinem ausgezeichneten und engagierten Ordinationsteam haben wir auch diese schwierige Zeit gut gemeistert.

Ingrid Ernstbrunner: Wir waren aber in einer 24 Stunden-Telefonbetreuung wirklich Tag und Nacht erreichbar und wir haben unsere Kontakte zu Berufskollegen in den Spitälern genutzt, damit man trotzdem Wege beschreiten konnte. Das war ein Zeit- und Energieaufwand, aber so konnten wir vieles abfedern.

Wie bewerten Sie jetzt die Situation in der Pandemie?

Konrad Ernstbrunner: Das Problem ist jetzt, dass es so lange dauert, länger, als es Virologen und Fachleute erwartet haben. Am Beginn war das Gefühl der Zusammengehörigkeit noch groß, das ist mit der Zeit – leider, leider – auseinandergedriftet. Dieser Graben zwischen Impfbefürworter und Impfgegner existiert, aber er ist nicht so tief, wie wir glauben. Leider sind diejenigen, die negativ zur Impfung eingestellt sind, viel lauter als die anderen.

Irgendwann wird diese Pandemie in eine Endemie übergehen. Das Virus wird uns noch lange begleiten, aber in einer Form, so wie wir es bei der Grippe kennen. Mit der Impfung und mit Medikamenten, die den Krankheitsverlauf erleichtern, werden wir das Virus besiegen und es wäre schade, wenn dann trotzdem Beziehungen, Familien und Freundschaften ruiniert sind.

Wie kann das verhindert werden?

Konrad Ernstbrunner: Wichtig ist, den Dialog zu suchen. Wichtig ist das Miteinanderreden – und die Toleranz. Wir müssen die Menschen mit ihren Ängsten annehmen und sie informieren. Und wir dürfen niemanden verurteilen. Verurteilen ist immer schlecht, von beiden Seiten. Man kann diskutieren und verschiedene Meinung haben, aber die Fakten sind ganz klar.

Wichtig ist, dass wir uns nicht spalten. Denn: Wird ein Stück Holz gespalten, lässt sich das nicht mehr rückgängig machen. Das Virus ist unser gemeinsamer Gegner und er darf uns wirklich nicht spalten, denn das würde bleiben – in Familien, Partnerschaften, Freundschaften.

Was sagen Sie jenen, die eine genetische Veränderung mit der Impfung befürchten?

Konrad Ernstbrunner: In jedem Zellkern des menschlichen Körpers ist die gesamte genetische Information enthalten. Die mRNA wird zwar bei der Impfung in die Zellen eingeschleust, damit die spezielle Information für die Zelle weitergegeben werden kann. Aber die mRNA kann nie in den Zellkern eindringen, das heißt: Es gibt keine genetischen Veränderungen. Bei einem Lebendimpfstoff spritze ich das Virus, aber abgeschwächt. Der Körper kann auf Basis dieses Bauplans Antikörper bilden – und dieser Bauplan wird in ein paar Stunden abgebaut.

Ist das der Grund, warum Spätschäden auszuschließen sind?

Konrad Ernstbrunner: Richtig. Es gibt keine Spätschäden, weil innerhalb von wenigen Stunden dieser Bauplan abgebaut wird. Was man auch nicht vergessen darf: An den mRNAs forscht man schon seit 20 Jahren. Erst war es für die Krebstherapie angedacht. Und die Forschung wird mit dieser Methode noch viel für die Heilung von Patienten beitragen können.

Ingrid Ernstbrunner: Wissenschaftler habe diesen Mechanismus entdeckt. Die Wissenschaft lernt ständig dazu – und das geht nur über Daten und Fakten.

Warum sind so viele Menschen der Wissenschaft gegenüber skeptisch?

Konrad Ernstbrunner: Das ist eine gute Frage ... (denkt kurz nach). Da spielen die Sozialen Medien eine große Rolle, wo sich Unwahrheiten verselbstständigen. Jeder kann alles sagen, auch wenn er nichts darüber weiß. Dabei gehe ich ja auch mit meinem Auto zum Mechaniker und nicht zum Schrotthändler. Wir dürfen nicht vergessen, was die Medizin bis jetzt geleistet hat, was etwa Krebs, Rheuma oder Multiple Sklerose betrifft. Unglaublich, dass wir so vieles erreicht haben. Man soll kritisch bleiben und alles hinterfragen, aber man muss sich an die Fakten halten.

Wie kann man die Menschen trotzdem erreichen, auch wenn die Sozialen Medien und das Internet so präsent sind?

Ingrid Ernstbrunner: Man braucht das Vertrauen des Patienten und das gewinnt man durch das Gespräch und indem man einen persönlichen Vertrauensbezug zu ihm aufbaut. Man kann zwar alles im Internet nachlesen, aber man hat als Nicht-Mediziner nicht den Gesamtüberblick und dieses Gesamtwissen.

Ist es aber nicht als Arzt heutzutage viel schwieriger, sich Zeit für den Patienten zu nehmen?

Konrad Ernstbrunner: Es ist alles schneller geworden und ich wäre sehr dafür, dass die Zeit wieder besser honoriert wird und das sich das Vorsorgesystem verbessert. Früher hatte man als Arzt 40 Patienten täglich, heute sind es 200 bis 300.

Ingrid Ernstbrunner: Aber du hast schon sehr darauf geachtet, dir Zeit zu nehmen.

Konrad Ernstbrunner: Das stimmt, wo es sein hat müssen, war es mir egal, wie viel Zeit der Patient für die Beratung benötigt. Aber das ist ein generelles Phänomen, heutzutage nimmt man sich weniger Zeit für Gespräche.

Machen Ihnen die Nebenwirkungen Sorgen?

Konrad Ernstbrunner: Milliarden von Menschen sind bis jetzt geimpft. Es gibt ein paar Nebenwirkungen, die wir kennen, damit können wir umgehen. Am Anfang kantnen wir die Nebenwirkungen nicht, aber jetzt können wir sehr rasch reagieren. Ich habe keine schwerwigegenden Nebenwirkungen mehr gesehen.

Es wird Statistik geführt und es wird nichts vertuscht.

Menschen sagen auch: Wir brauchen eine dritte, vierte, womöglich fünfte Impfung. Das zeige, dass sie nicht wirke ...

Konrad Ernstbrunner: Natürlich war’s schon so, dass wir die Hoffnung hatten, dass wir nach zwei, drei Impfungen besser dastehen. Es ist nicht alles so eingetroffen und wir lernen dazu. Aber es ist 100-prozentig erwiesen, dass dank der Impfung die Todesfälle weniger und die Intensivaufenthalte viel geringer sind. Aber ich habe auch noch keine Krankheit gesehen, die so wenig berechenbar ist: Es sind junge Menschen gestorben, andere sind gar nicht erkrankt. Aber wenn das Virus mit diesem Spike-Protein in die Zelle eindringen kann, dann kann es dich umbringen. Am Anfang sind fast alle daran gestorben.

Sie stehen nach wie vor Menschen mit Rat zur Seite, wenn sie Fragen zur Impfung haben?

Konrad Ernstbrunner: Ja, erst zuletzt hat mir jemand ein Video von einem Arzt verbreitet. Ich habe im Telefongespräch genau erklären können, wie der Impfstoff im Körper wirkt. Immer wieder kommen Leute, die fragen: Konrad, was sagst du dazu?

Ingrid Ernstbrunner: Diese Gespräche führen dazu, dass man Vertrauen zu dem Arzt bekommt - und das ist der Kreis, der sich dann schließt. Denn dann kommen die Menschen immer wieder und fragen nach.

Konrad Ernstbrunner: Und das war in unserer Ordination sehr spürbar. In der Pandemie hat man schon gemerkt, dass das Vertrauen zu uns weiter gewachsen ist. Das war für mich das Schöne.