„VHS wird auch Corona überleben“. Die Volkshochschule Groß Gerungs feiert 30-jähriges Bestehen. Über Anfänge und Höhepunkte erzählt Gründer Herbert Steininger.

Von Markus Füxl. Erstellt am 14. Oktober 2020 (04:58)
VHS-Leiter Herbert Steininger erinnert sich mit der NÖN an Reisehöhepunkte zurück.
Markus Füxl

Es ist ein Jubiläum zum unpassendsten Moment: Vor 30 Jahren gründete der ehemalige Lehrer Herbert Steininger die Volkshochschule Groß Gerungs. Im NÖN-Interview erzählt er von aktuellen Herausforderungen, Trends im Kursprogramm und Didgeridoo-Konzerten bei Aborigines.

Die Volkshochschule Groß Gerungs wurde vor 30 Jahren gegründet. Wie kam es überhaupt dazu?

Herbert Steininger: Ich habe damals Englischkurse auf privater Basis angeboten. Kollege Rudolf Gesselbauer ist ein wahrer Computerfreak und hat Kurse in diesem Bereich gemacht. Ich habe mir dann überlegt, dass eine VHS in Groß Gerungs gut laufen könnte und habe alle administrativen Vorarbeiten in die Wege geleitet. Am 15. Oktober 1990 sind wir als 67. Mitglied in den Verband der niederösterreichischen VHS aufgenommen worden.

Was war die Motivation hinter der Gründung?

Ich organisiere schon immer gerne und war unter anderem 13 Jahre lang Sektionsleiter des Tennisvereins von Groß Gerungs. Die Englischkurse damals sind äußerst gut gelaufen. Da saßen teilweise 20 Leute, was im ländlichen Raum nicht selbstverständlich ist. Aus der Erwartung, dass auch ein breiteres Kursangebot in unserer Gemeinde durchaus gefragt sein könnte, entwickelte sich ein gewisser Enthusiasmus für die Erwachsenenbildung. Außerdem war die Arbeit für die VHS am Anfang gut überschaubar. Mittlerweile ist es schon fast ein Vollzeit-Job, vor allem mit Corona: Du organisierst dreimal so viel, damit dann ein Drittel davon stattfindet.

Zahlreiche Veranstaltungsplakate schmücken Herbert Steiningers Büro. Bald wird das aktuelle zum Vortrag von Marcus Wadsak dazukommen.
Markus Füxl

Ein Schwerpunkt der VHS sind auch die Reisen.

Als Folge der Englischkurse waren wir mehrmals in London, daraus ergaben sich viele weitere Reisen: Meine Frau Uli und ich organisierten unter anderem lange Touren nach Amerika, Australien, Neuseeland, Afrika, Hawaii und Hongkong. Ich habe einmal gesagt, dass ich in der Pension dann ein Reisebüro eröffne. Das hat sich in Zeiten von Corona erübrigt, die sind heutzutage wirklich nicht zu beneiden.

Was sind Höhepunkte aus diesen Reisen?

Es gab irrsinnig viele schöne Momente, darunter etwa ein Ballonflug über den Ayers Rock in Australien, Tauchen am Great Barrier Riff und Hubschrauberflüge über den Grand Canyon. Da bleibt dir wirklich der Mund offen stehen, wenn du dort über den Rand der Schlucht fliegst und es geht zwei Kilometer weit runter. Besonders schön war es für mich auch im Outback mit Aborigines, die für uns Didgeridoo spielten, zusammen zu sitzen oder in Neuseeland mit dem Hubschrauber am Franz-Josefs-Gletscher zu landen. Wir haben unsere Reisen immer so geplant, wie du sie in Katalogen nicht findest. Das war am Anfang durchaus schwierig: Man schickte eine Anfrage per Fax oder Brief und wartete oft drei Wochen, bis eine Antwort aus Australien zurückkam.

Statt Briefe werden heute Mails geschrieben: Was hat sich in den 30 Jahren an der VHS verändert?

Damals liefen Anmeldungen persönlich oder per Telefon. Heute hast du alles über das Internet. Das macht es schneller, aber nicht immer nur einfacher: Die Mails schneien nur so rein. Viele wissen nicht, dass sie mit der Anmeldung einen Vertrag abschließen und man sich nicht einfach so per Mail wieder abmelden kann. Es braucht zumindest eine ärztliche Bestätigung, oder ähnliches. Bei den Kursen selbst hat sich auch viel geändert. Früher waren Computerkurse sehr gefragt, die sind heute eindeutig weniger geworden.

Warum ist das so?

Es ist eine gewisse Basisausbildung da. Früher hat man den Leuten die Scheu davor nehmen müssen, sich mit dem Computer zu beschäftigen. Die Kursnachfrage spiegelt auch immer politische Entwicklungen wieder: so waren nach der Wende 1990 Tschechisch-Sprachkurse total gefragt. Deutsch für Ausländer war nach der Flüchtlingskrise bei uns einige Semester aktuell.

Welche Kurse sind aktuell gefragt?

Es boomt alles im Bereich Körperkultur, sei es Yoga, Aerobic oder Rückenfit. Das läuft wirklich sehr gut und so holen wir auch viele junge Leute in die VHS-Kurse.

Wie entsteht überhaupt ein Kursprogramm?

Es gibt zweimal im Jahr eine Programmsitzung. Da kommen die Bereichsorganisatoren schon mit einem fertigen Kursangebot, beziehungsweise mit Vorschlägen. Wir sitzen stundenlang zusammen und Rudolf Gesselbauer schreibt, bis ihm die Finger abfallen (lacht). Am selben Abend fahre ich dann zur Korrekturleserin, am nächsten Tag wird das Programm nach Schrems in die Druckerei geschickt. Kleine Hoppalas passieren trotzdem manchmal, wenn etwa ein Wochentag nicht mit dem Datum übereinstimmt.

Neben dem Kursprogramm: Was waren aus den 30 Jahren Höhepunkte bei den Vorträgen?

Wir hatten 113 Vorträge und Einzelveranstaltungen, alle organisiert von Josef Kettinger. Da waren natürlich auch viele hochkarätige Referenten dabei. Die absoluten Highlights waren etwa Professor Paul Lendvai, Genetiker Markus Hengstschläger, der Kriminalpsychologe Thomas Müller, Armin Assinger sowie Martina Leibovici-Mühlberger. Der Reiseberichterstatter Hans Gsellmann war mehrmals bei uns zu Gast. Er war auch für die Lufthansa tätig und in Deutschland füllte er damals Hallen mit 1.000 Leuten und mehr.

Wie wichtig ist es überhaupt, mit der VHS in Groß Gerungs ein regionales Angebot zu bieten?

Wir sind damals von der Überlegung ausgegangen, dass es gerade an Winterabenden nicht jedermanns Sache ist, ein- bis zweimal in der Woche zu VHS-Kursen weiter weg zu fahren. Das war vor 30 Jahren noch eindeutig schwieriger als heute. Daher war und ist es wichtig, den Leuten auch in der eigenen Gemeinde ein Angebot zu machen.

Gab es in den 30 Jahren als VHS-Leiter den Punkt, an dem Sie das Handtuch schmeißen wollten?

Zwischendurch war das nie der Fall. Angefangen nachzudenken, ob es noch 31, 32 oder 33 Jahre für mich werden, habe ich ab dem 16. März des heurigen Jahres. Seit dem Frühling 2020 verwende ich einen Großteil der VHS-Arbeitszeit dafür, bereits fertige Angebote wieder zurück zu entwickeln oder ganz abzusagen. Wir haben für 22. Oktober den ORF-Meteorologen Marcus Wadsak eingeladen um in der Sporthalle über den Klimawandel zu referieren. Natürlich haben wir schon jetzt für diese Veranstaltung alle erdenklichen und behördlich vorgeschriebenen Corona-Präventionsmaßnahmen vorbereitet. Im Endeffekt kann es aber auch dumm hergehen und es gibt zwei Tage davor neue Regeln. Das wäre nach über einem halben Jahr Anbahnungsarbeit natürlich sehr demotivierend.

Wie geht es weiter mit der VHS?

Es ist aktuell so, dass ich vier- bis fünfmal am Tag negative Anrufe oder Mails bekomme. Entweder es meldet sich jemand ab, oder es muss etwas abgesagt werden. Das sind Dinge, wo du dir denkst, dass es nicht so läuft, wie es sollte. Ich sage nicht dezidiert, dass ich es in Zukunft nicht weiter machen werde, aber die jetzige Situation nagt immens an der Begeisterung für den Job. Generell bin ich allerdings überzeugt von der Sinnhaftigkeit der Volkshochschule als regionaler Anbieter im Bereich der Erwachsenenbildung und die VHS wird auch Corona überleben.

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