Polizist Mürzl und sein Partner mit der kalten Schnauze. Der neue Kommandant der Diensthundeinspektion, Christian Mürzl, im Interview mit Markus Füxl über seinen Hund Nanook und spektakuläre Einsätze.

Von Markus Füxl. Erstellt am 30. Oktober 2020 (05:52)
Christian Mürzl und sein Hund Nanook.
Markus Füxl

NÖN: Sie sind seit kurzem Kommandant der Diensthundeinspektion in Haimschlag. Was hat Sie dazu bewogen, in diese Richtung in der Exekutive zu gehen?

Christian Mürzl: Ich bin mit Hunden aufgewachsen, sie waren ein ständiger Bestandteil in der Familie. Dort habe ich auch meine Tierliebe entwickelt. Natürlich schaut man sich auch Fernsehserien an, die haben aber mit der Realität nicht viel zu tun. Ich habe immer mit dem Gedanken gespielt. Es braucht aber auch ein Quäntchen Glück und eine freie Stelle. Es gibt immer viele Bewerber.

Was muss man als Diensthundeführer für den Beruf mitbringen?

Man muss zwei Jahre Erfahrungen im Außendienst sammeln, einen entsprechenden Aufnahmetest für Einsatzeinheiten absolvieren und die körperliche Fitness besitzen. Außerdem muss man den Diensthund artgerecht zuhause unterbringen können. Schließlich sind die Tiere voll im Familienverband integriert und in der Freizeit bei uns daheim.

Wieviele Hunde besitzt ein Diensthundeführer?

Jeder von uns hat mindestens einen Hund. Es gibt Überschneidungszeiträume, wenn der aktive Hund „ausgeführt“ wird. Ein Hund darf längstens bis zu seinem 11. Lebensjahr im Dienst sein. Zeitgerecht wird dann ein Nachfolgehund gesucht. Dann hat der Hundeführer parallel zwei Hunde, während der junge ausgebildet und der alte langsam zurückgefahren wird.

Was passiert mit den ausgeschiedenen Diensthunden?

Sie bleiben im Regelfall beim Diensthundeführer. Man verbringt schließlich die meiste Zeit mit seinem Diensthund und kann sich nicht vorstellen, dass man ihn je wieder hergibt. Nach dem Ausscheiden verbleibt dann der Diensthund mit allen Rechten und Pflichten beim Hundeführer. So hat er dann seinen Ruhestand bei seinem „Herrchen“.

Sie haben aktuell einen Hund...

Nanook, er ist neuneinhalb Jahre alt und ein deutscher Schäferhund. Nach dem Zweiten wird aber schon Ausschau gehalten.

Mit Nanook haben Sie auch in ihrem Heimatbezirk Horn einen tollen Erfolg gefeiert.

Wir waren vor einigen Jahren zum nächtlichen Auslauf unterwegs. Nanook war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeprüft, er war noch ein Junghund. An einem Bachufer hat er dann gezogen und gebellt. Dann haben wir einen verletzten Mann gefunden.

Wie ist die Geschichte ausgegangen?

Ich habe den Mann angesprochen und gesehen, dass ihm Blut über den Kopf läuft. Man hat ja ein geschultes Auge, ich habe schnell gemerkt, dass da etwas im Busch ist. Trotzdem war er schnell hörig und ich habe ihn wenige hundert Meter weiter im Krankenhaus abgegeben. Es hat sich dann herausgestellt, dass der Mann schon den ganzen Tag über gesucht wurde.

Welche Einsätze sind Ihnen sonst noch im Gedächtnis geblieben?

Vorwiegend absolvieren Nanook und ich Sucheinsätze. Jeder Diensthund wird zum Schutz- und Stöberhund ausgebildet. Dann gibt es Hunde, die zusätzlich explizit nach Brandmittel, Leichen, Sprengstoff oder Suchtmittel suchen. Mein Hund ist zusätzlich ein sogenannter Spezialfährtenhund, also ein Profi, was Fährtenarbeit anbelangt. Er kann unter anderem Fährten die 15 bis 20 Stunden alt sind aufnehmen und auch über weite Strecken verfolgen.

Was kann man sich unter „lange Distanzen“ vorstellen?

Nanook schaffte es bereits je nach Untergrund, Witterung und Temperaturen 15 Kilometer und längere Fährten zu verfolgen. Natürlich braucht er dabei auch Pausen, muss trinken und sich ausrasten. Die Nasenarbeit ist extrem anstrengend.

Kann Nanook auch Drogen aufspüren?

Nein, das ist wieder eine ganz andere Ausbildung. Nanook funktioniert auch nur mit mir. Jeder Hund hört grundsätzlich nur auf seinen Hundeführer. Die Ausbildung endet aber nicht mit der Prüfung, sondern dauert ein ganzes Hundeleben lang an. Das Sprichwort „Übung macht den Meister“ trifft auch bei uns zu.

Wie ist die Aufteilung der Hunde in Haimschlag: Gibt es bei Ihnen einen Hund, der Drogen aufspürt, einen weiteren, der Leichen sucht..?

In Haimschlag haben wir als Dualhunde derzeit Spezialfährten- und Suchmittelspürhunde im Einsatz. Ob ein Hund eine Dualausbildung bekommt hängt von seiner Eignung und der Bedarfslage ab. Wenn ich etwa einen stürmischen Hund habe, werde ich ihn nicht für die Feinsuche als Suchtmittelspürhund ausbilden, der in Wohnungen bei Laden und Regalen stöbert und sucht.

Was sind klassische Einsätze, die Ihre Mitarbeiter absolvieren?

Jetzt in der Dämmerungszeit werden wir zu Einbrüchen gerufen. Wir kommen, wenn zum Beispiel ein Haus, ein Geschäft oder Lagerhalle offen steht und man nicht weiß, ob die Einbrecher noch da sind. Die Hunde sind so ausgebildet, dass sie selbständig alle zugänglichen Bereiche abstöbern, von der Lagerfläche bis zum Treppenhaus den Keller und die Wohnräume. Befindet sich ein Mensch im Gebäude, sei es ein Mitarbeiter ein Bewohner oder ein Einbrecher, zeigen das die Hunde mit Verbellen an. Würde die Person den Hund attackieren oder die Flucht ergreifen, können das die Hunde beenden – entweder mit Maulkorb, oder auch durch einen scharfen Einsatz ohne Korb.

Wie gefährlich ist der Dienst für die Tiere: Wurde bei einem Einsatz auch schon einmal ein Hund verletzt oder getötet?

Leichte Verletzungen kann es immer wieder geben. Etwa durch Glasscherben und scharfkantige Teile in Gebäuden oder Dornen und Geäst im Freien. Viele Einsätze finden in der Nacht und lagebedingt oft auch mit nur wenig Licht und im Freien im steilen unwegsamen Gelände statt. Schwere Verletzungen gab es in meiner Zeit aber noch nicht.

Welches Gebiet deckt die Inspektion in Haimschlag ab – wo sind Sie im Einsatz?

Wir sind für das geografische Waldviertel zuständig. Es gibt auch eigene Inspektionen für das Wein-, Industrie- und Mostviertel sowie für den Flughafen in Schwechat. Wir decken ungefähr 4.600 Quadratkilometer mit 230.000 Einwohnern ab. Es kann auch passieren, dass ich für einen Einsatz in Wiener Neustadt oder weiter weg angefordert werde. Wenn gefährliche Täter gesucht werden, werden wir auch bundesweit zusammengezogen, wie zum Beispiel beim Doppelmord in Stiwoll in der Steiermark.

Apropos berühmt-berüchtigt: Gab es auch schon spektakuläre Einsätze, die für Aufsehen unter den Kollegen sorgten?

Es gibt immer wieder Situationen, wo du sprichwörtlich die Ganoven fängst und die Einbrecher auf frischer Tat ertappst. So war das etwa auch vor einigen Monaten in der Nähe von Litschau. Wir wurden zur Unterstützung für eine Nachschau angefordert. Wie es im Polizeiberuf eben so ist, kann sich eine Situation von einer Sekunde auf die andere komplett verändern. So war das auch in diesem Fall, wir sind auf eine Person gestoßen, die die Flucht ergriffen hat. Nanook hat die Fährte aufgenommen und die Person konnte gestellt werden. Die Ermittlungen haben dann ergeben, dass der Geflüchtete und sein Komplize sich für eine Vielzahl an Juweliereinbrüchen in Niederösterreich zu verantworten haben. Oder vor knapp zwei Jahren in Karlstift wo die Täter ihr Fluchtfahrzeug und den gestohlenen Minibagger auf der Fahrbahn in Brand steckten und die Flucht ergriffen. Selbst im tiefen Schnee und auf Eis konnte Nanook die Fährte aufnehmen und verfolgen. Im Zuge der Alarmfahndung mit den örtlichen Kräften und unter Einsatz eines Polizeihubschraubers konnten die zwei Täter dann gestellt werden.

Gibt man dem Hund dann besondere Leckerli, oder ist das für das Tier nur ein weiterer Arbeitstag wie jeder andere?

Mit Ehrungen und Medienberichten fängt der Hund natürlich nichts an. Egal ob es ein positiver Einsatz war, oder der Hund nichts findet: Er gibt sich immer Mühe. Als Diensthundeführer muss ich wissen, wie ich meinen Hund belohne und zur Ruhe kommen lasse. Wenn wir heimfahren, weiß Nanook genau, dass es heute keinen Einsatz mehr gibt, er kann dann einfach „Hund“ sein. Man muss den Hund genau lesen können und wissen, was das Beste für ihn ist. Da ist kein Hund wie der andere.

Kann jeder Hund ein Polizeihund werden? Gibt es Rassen, die sich besonders gut dafür eignen?

In der Diensthundevorschrift ist geregelt, welche Rassen für Polizeihunde geeignet sind. Das sind vorwiegend der deutsche, holländische und belgische Schäferhund sowie der deutsche Riesenschnauzer. In Wien ist auch der Rottweiler im Einsatz. Der belgische Schäferhund ist aufgrund seiner Eigenschaften der verbreitetste in unseren Reihen. Nanook ist zwar ein deutscher Schäfer, aber nicht der klassische Kommissar Rex. Seine Farbe ist grau gewolkt und er hat einen geraden Rücken.

Hat Nanook auch Hundefreunde abseits der Dienststelle, mit denen er in der Freizeit spielen kann?

Nicht viele, man achtet darauf, dass die Diensthunde wenig Kontakt mit fremden Hunden haben. Ich bin dazu verpflichtet, darauf zu achten, dass mein Hund gesund ist. Oft weiß man nicht, wie ein privater Hundehalter auf seinen Hund achtet. Wenn sich Nanook dann mit einer Krankheit anstecken würde, könnte er das an die anderen Diensthunde übertragen.

Zur Statistik der Diensthundeinspektion: Wieviele Einsätze absolvieren die Diensthundeführer aus Haimschlag im Jahr?

Das ist schwierig zu sagen. Es gibt immer wieder Fälle, bei denen wir angefordert werden und sich am Weg herausstellt, dass es ein Fehlalarm war, oder dass sich die Sache aufgeklärt hat. Grundsätzlich stehen Einsätze an der Tagesordnung. Darüber hinaus sind wir ja auch ganz normale Polizisten und machen das natürlich auch normal mit.