Farthofer: "Impfpflicht kommt nicht in Frage“. Der neue ÖGK-Landesvorsitzende Christian Farthofer im Gespräch über Herausforderungen, Ärztemangel und die Corona-Impfung.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 31. Dezember 2020 (03:18)
Mit Jänner übernimmt der Schwarzenauer Christian Farthofer den Vorsitz der ÖGK in Niederösterreich. Im NÖN-Gespräch zieht er Fazit über ein Jahr Kassenfusion und gibt einen Ausblick auf Herausforderungen, die es vor der Impfung zu meistern gilt.
SPÖ

Der Adventmarkt im Schloss Schwarzenau ist legendär. Sie sind selbst Schwarzenauer – wie haben Sie die Adventtage verbracht?

Christian Farthofer: Mir ging es so, wie vielen anderen auch: Es war etwas anders. Üblicherweise bin ich in meinen Funktionen auch immer wieder bei Weihnachtsfeiern eingeladen. Die gab es heuer natürlich nicht. Mein ganzer Tagesablauf ist momentan etwas ungewöhnlich. Die Wochenenden sind deutlich ruhiger und meine Kinder freuen sich, dass ich am Abend mehr Zeit für sie habe.

Wie sieht aktuell ein typischer Arbeitstag aus?

Farthofer: Aufgrund von Corona sitze ich sehr viel vor dem Computer. Das ist untypisch. Schon in meiner Zeit als Vorstandsmitglied der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse war ich bis zu 85.000 Kilometern im Jahr in Niederösterreich unterwegs. Aktuell pendle ich zwischen meinen Büros des Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) und der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). Mit Jänner übernehme ich den Vorsitz des ÖGK-Landesstellenausschusses Niederösterreich von Gerhard Hutter. Wir treffen uns aktuell gemeinsam mit den wichtigsten Stakeholdern und Entscheidungsträger. Es stehen auch wichtige Verhandlungen an, zuletzt etwa über die Tarife mit den physikalischen Instituten. Aktuell bin ich spätestens um 19.30 Uhr wieder zu Hause.

Sie sind außerdem Landesgeschäftsführer des ÖGB, Vorstandsmitglied der Arbeiterkammer, SPÖ-Gemeinderat in Schwarzenau – wie geht sich das alles aus?

Farthofer: Das ist es ja: Es geht sich nicht mehr aus (lacht). Nach 16 Jahren im Gemeinderat in Schwarzenau habe ich vor kurzem mein Mandat aus diesem Grund zurückgelegt. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es ordentlich. Mir hat Kommunalpolitik irrsinnig viel Spaß gemacht. Es ließ sich aber nicht alles unter einen Hut bringen.

Die Zusammenlegung der Gebietskrankenkassen zur ÖGK jährt sich. Was ist Ihr Fazit nach dem ersten, doch turbulenten, Jahr?

Farthofer: Unser großes Ziel war, dass die Versicherten keine negativen Auswirkungen von der Fusion haben. Da traue ich mir zu sagen: Das ist uns gelungen. Im Hintergrund ist es natürlich eine „Monsteraufgabe“, neun Bundesländerkassen zusammenzuführen. Es wird noch viel Zeit brauchen, bis alles einwandfrei funktioniert. Dann ist Mitte März noch die Coronakrise dazugekommen. Dass eine Gesundheitskasse mit dem Thema stark befasst ist, hat das Jahr nicht unbedingt einfacher gemacht.

Welche Herausforderungen für die ÖGK brachte Corona mit sich?

Farthofer: Wir haben in jedem Bezirk unsere Servicecenter. Dort galt es, sicherzustellen, dass die Versicherten trotz Corona zu ihren Leistungen und Auskünften kommen. Gleichzeitig müssen wir auch unsere 1.500 Beschäftigten in der Gesundheitskasse schützen. Wir mussten den intensiven Kundenkontakt von einem Tag auf den anderen auf völlig neue Beine stellen. Das war eine riesige Herausforderung. Zum anderen gab es das Thema: Wie nehmen wir den Menschen die Angst, dass sie weiterhin ihre ärztlichen Leistungen in Anspruch nehmen? Es ist wichtig, dass trotz Corona wichtige Routineuntersuchungen nicht aufgeschoben werden. Deshalb bitte trotzdem weiter zum Arzt gehen, wenn irgendwo etwas zwickt.

Welche Vorhaben und neue Leistungen möchte die ÖGK 2021 umsetzen?

Farthofer: Ein Punkt ist natürlich die Telemedizin. Dort hat es natürlich schon länger Pläne gegeben. Aufgrund der Coronakrise sind wir gezwungen, das möglichst rasch einzuführen, etwa den elektronischen Impfpass, das Rezept auf der e-Card. Wir haben schon viele Rückmeldungen bekommen, dass das für unsere Kunden viel einfacher ist. Letztendlich geht es uns um eine Vereinfachung und um einen Ausbau der Leistungen für unsere Versicherten. Bei der Fusion der Krankenkassen hat Bundeskanzler Sebastian Kurz gesagt: „Gleicher Beitrag, gleiche Leistung.“ Dazu brauchen wir aber dringend mehr Geld von der Regierung, sonst kommt es zu Leistungskürzungen oder Selbstbehalten. Dafür werde ich als Vorsitzender des ÖGK-Landesstellenausschusses kämpfen.

Immer wieder hört man von Gemeinden in Österreich, die verzweifelt Nachfolger für Hausärzte, die in Pension gehen, suchen. Wie ist der aktuelle Stand im Bezirk Zwettl?

Farthofer: Bei uns im Bezirk Zwettl sind erfreulicherweise alle Planstellen besetzt. Aktuell gibt es im Jänner in der Stadt Zwettl einen Wechsel. Der langjährige Facharzt für Urologie Norbert Strasz geht in den Ruhestand, ihm folgt Farsin Karimian nach. Man muss auch unterscheiden: Wenn Allgemeinmediziner fehlen, nimmt das die Bevölkerung sehr schnell wahr. Fachmediziner braucht man inder Regel nicht so oft, trotzdem ist es uns wichtig, flächendeckend alle Bereiche abzudecken. Ich bin selber Waldviertler und weiß, dass für viele junge Ärzte nicht mehr nur das Geld ausschlaggebend ist, ob sie sich bei uns ansiedeln.

Sondern?

Farthofer: Da geht es um die Infrastruktur. Ärzte haben oft selbst Familie, die Work-Life-Balance rückt immer mehr in den Vordergrund. Der typische Hausarzt, wie man ihn von früher gekannt hat, arbeitete sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Das ist oft nicht mehr möglich, oder erwünscht. Die Situation muss auch ins Lebensbild der Ärzte hineinpassen.

Wie kann man den Beruf schmackhaft machen?

Farthofer: Eine Möglichkeit sind Primärversorgungszentren. Dabei geht es darum, Ärzten attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten: Oft schließen sich dort drei bis vier Ärzte zusammen und teilen sich die Arbeitszeiten untereinander auf. Gleichzeitig hat der Kunde längere Öffnungszeiten. Idealerweise gibt es auch Fachärzte und Apotheken im Haus. Das wird in Zukunft eine wichtige Ergänzung sein. Im Mostviertel gibt es etwa eine Region, in der sich die Ärzte aus verschiedenen Gemeinden die Zeiten aufteilen. Man muss heutzutage flexibel sein. Parallel dazu muss man natürlich schauen, dass es genug Ärzte gibt. Vor vielen Jahren wurde entschieden, dass es ein Auswahlverfahren an der Universität gibt. Natürlich sieht man jetzt erste Auswirkungen, dass weniger Ärzte mit dem Studium fertig werden. Die fehlen natürlich.

Thema Coronaimpfung: Viele Menschen stehen ihr kritisch gegenüber. Soll es eine Impfpflicht geben?

Farthofer: Eine Impfpflicht kommt für mich nicht in Frage. Jeder Mensch sollte selbst über seinen Körper entscheiden können. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass wir die Pandemie nur bekämpfen können, wenn sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Wir wissen, dass es eine Durchseuchungsrate von 60 bis 70 Prozent braucht, um den Virus zu besiegen. Da wird es darauf ankommen, dass man die Menschen aufklärt.

Wie soll diese Aufklärung aussehen?

Farthofer: Die Impfung ist wichtig und nicht gefährlich. Ich habe selber viel Kontakt zu Menschen, die abwartend sind. Man will nicht der erste sein, der sich impfen lässt, sondern erst einmal beobachten. Es gibt aber kein Medikament, das keine Nebenwirkungen hat. Sonst würde es ja auch nicht wirken. So wird es auch bei der Impfung sein, aber unter Nebenwirkungen stellt sich jeder etwas anderes vor. Es kann sein, dass ich einen Tag lang leichtes Fieber habe, oder mir der Arm weh tut. Der nächste glaubt, man kommt 14 Tage lang ins Spital, oder es wachsen einem Hörner (lacht). Da ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig. Es wird eine große Kraftanstrengung über Institutions- und Parteigrenzen hinweg brauchen. Ich bin aber zuversichtlich, weil den aktuellen Zustand will ja auch keiner. Irgendwann wird die Angst weniger und die Vernunft größer werden.