Andreas Schwarzinger: "Mir hat's den Boden unter den Füßen weggezogen"

Der führere Waldviertel Tourismus-Chef Andreas Schwarzinger spricht über seine plötzliche Ablöse, aber auch über die Erfolge in der Destination, wie Corona den Tourismus veränderte und was die Region einzigartig macht.

Erstellt am 05. Januar 2022 | 05:57
Lesezeit: 6 Min
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Foto: NOEN

NÖN: Sie sind mit 1. Jänner als Geschäftsführer der Destination Waldviertel GmbH ausgeschieden, ihr Nachfolger ist Peter Sigmund. Rund um den Wechsel gab es großes Aufsehen, Bürgermeister Maximilian Igelsböck legte als Reaktion seine Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender zurück. Wie rekapitulieren Sie die Vorgänge?
Andreas Schwarzinger:
Die Entscheidung ist überraschend gekommen, ich habe nicht damit gerechnet. Mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen. Von mir und auch von außen wird gesehen, dass wir in den letzten Jahren große Erfolge zu verbuchen hatten. Man konnte gut vernehmen, dass die Region sehr enttäuscht war, was die Entscheidung betrifft. Mir war wichtig, dass bei aller Enttäuschung eine gute Übergabe stattfinden muss. Ich fühle mich der Region gegenüber verpflichtet.

Wie geht es beruflich für Sie weiter?
Schwarzinger:
Das ist noch nicht fix. Es hat mich sehr gefreut, dass sich nach der Entscheidung einige Unternehmen bei mir gemeldet haben. Man kennt mich als Touristiker, aber ich habe in unterschiedlichen Bereichen meine Erfahrungen sammeln dürfen. Ich habe in den vergangenen Wochen viele gute Gespräche geführt. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass mich natürlich mein erster Weg ins Waldviertel führt. Ich bin hier zuhause und identifiziere mich zu 100 Prozent mit der Region.

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Zwei Jahre Corona: Welche Änderungen für den Tourismus im Waldviertel brachte das Virus mit sich?
Schwarzinger:
Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Pandemie ein Riesenproblem für den Tourismus, der stark von Reisetätigkeit geprägt ist. Im Waldviertel hatten wir große Rückgänge bei den Nächtigungen und der Wertschöpfung. Im Vergleich zu anderen Destinationen sind wir aber mit einem blauen Auge davongekommen. Es hat sich ein großes Verlangen nach Regionen entwickelt, die abseits des Massentourismus liegen. Viele Menschen haben ihre Heimat als Urlaubsort entdeckt. Die ehemals beliebte Sommerfrische hat ein wahnsinniges Revival erlebt. Diese Entwicklungen haben Regionen wie das Waldviertel insgesamt gestärkt.

Wird das Waldviertel diesen Schwung auch nach dem Ende der Pandemie mitnehmen können?
Schwarzinger:
Es gibt eine aufgestaute Sehnsucht. Sobald internationale Reisen wieder möglich sind, werden das viele Menschen nutzen, aber: Wir konnten während Corona sehr viele Gäste begrüßen, die erstmals die Region besucht haben. Viele von ihnen hatten das Waldviertel als Urlaubsdestination im Hinterkopf und haben die „Gunst der Stunde“ genutzt. Außerdem waren diese Erstbesucher sehr beeindruckt von der Region. Das stimmt uns positiv, dass sie Stammgäste werden, und zeigt auch, wie groß das Potenzial der Region ist.

Welche neuen Herausforderungen brachte Corona für Sie mit sich: Wie schwierig war es, die Region in dieser Ausnahmesituation touristisch unter einen Hut zu bekommen?
Schwarzinger:
Wir mussten unsere Kommunikation von heute auf morgen komplett überarbeiten, Maßnahmepläne über den Haufen schmeißen und neu planen und das mit jedem Lockdown erneut. Zeitweise waren so viele Informationen vorhanden, dass die Betriebe und Gemeinden den Überblick verloren haben. Hier haben wir versucht, ein guter und starker Partner zu sein und Verordnungen für das Tourismusnetzwerk verständlich aufzubereiten – und auch eine Perspektive aufzuzeigen, wie es nach einem Lockdown weitergehen kann.

Sie haben die Funktion des Geschäftsführers der Destination Waldviertel GmbH 2012 übernommen. Wenn Sie zurückblicken: Wie viel von dem, was Sie sich vorgenommen haben, konnten sie in den zehn Jahren umsetzen?
Schwarzinger:
Es geht darum, was man als Team erreichen kann. Was uns von außen von Mitbewerbern und Partnern attestiert wird, ist, dass sich das Waldviertel touristisch stark weiterentwickelt hat. Das zeigen auch die Zahlen: In zehn Jahren konnten wir die jährlichen Nächtigungen von 1,1 Millionen auf 1,3 Millionen erhöhen. Die Entwicklung sieht man auch daran, wie über das Waldviertel berichtet wird: Vor zehn Jahren wurde es fälschlicherweise noch als „graue Maus“ in manchen Bereichen gesehen, jetzt als innovative und zukunftsträchtige Region. Die Weiterentwicklung gemeinsam mit Betrieben und Gemeinden hat Früchte getragen.

Können Sie dafür einige Beispiele nennen?
Schwarzinger:
Wir haben große Initiativen gegründet, wie die Kulinarik-Initiative „Waldviertel – ganz mein Geschmack!“ mit rund 80 Mitgliedsbetrieben oder „Handwerk und Manufaktur“ mit 18 Mitgliedern. Das sind touristische Angebote, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen suchen. 

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Zuletzt feierte man „waldviertelpur“ 2019, heuer soll es eine Fortsetzung geben. Im Bild: Andreas Schwarzinger, Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf, Hopfenbotschafterin Lena Meyer, Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und Privatbrauerei Zwettl-Chef Karl Schwarz.
Foto: Archiv/ LWmedia, Leonardo RamirezCastillo

Ich habe „waldviertelpur“ mit 60.000 Besuchern pro Jahr übernommen. Mittlerweile konnten wir die Besucherzahl auf 100.000 erhöhen. Nach zehn Jahren habe ich die Erkenntnis: Das Waldviertel ist so kräftig und vital wie noch nie zuvor.

Wo sehen Sie Potenzial, aber auch Aufholbedarf? An welchen Rädchen gilt es noch zu drehen?
Schwarzinger:
Es gibt vieles zu tun, etwa zur Frage: Wie gelingt es, das Waldviertel als starke, klassische Urlaubsdestination, also von Anfang Mai bis Ende Oktober, hin zu einer attraktiven Destination zu machen, die über das ganze Jahr hinweg spannende und innovative touristische Angebote zu bieten hat? Es ist eine große Herausforderung, die Neben- und Zwischensaisonen zu stärken. Es geht auch darum, die Stärken der Region weiter herauszuarbeiten. Es ist nicht zielführend, sich mit Themen zu vertändeln, bei denen das Waldviertel kein starkes Profil besitzt. Konzentrieren wir uns auf einen hochwertigen und authentischen Qualitätstourismus und nicht auf Besuchermassen um jeden Preis.

Sie haben das Profil der Region angesprochen: Wie sieht das aus? 
Schwarzinger:
Das Waldviertel ist keine touristische Region, die Angebote von der Stange bietet. Es besitzt eine wunderbare Kultur- und Naturlandschaft und hat seine Stärken in der Kulinarik und im Gesundheitsbereich – natürlich ist das der Kur- und Rehabereich, aber auch stark die Prävention, Gendermedizin bis hin zu Heilfasten und diversen Achtsamkeitsangeboten. Wir schätzen die gute Luft, den Wald, die Ruhe. Das sind Dinge, die uns tatsächlich gesund machen oder gesund bleiben lassen. Mit diesen Rahmenbedingungen muss man sehr sorgfältig umgehen. Auch das Wandern, Radfahren und Mountainbiken haben einen Aufschwung erlebt. Die größte Stärke sind aber die Menschen in der Region.

Wie meinen Sie das?
Schwarzinger: Die Region ist stark assoziiert mit Menschen, die zu 100 Prozent für ihr Produkt oder ihre Dienstleistung stehen und sich von früh bis spät Gedanken machen, wie sie es verbessern können. Früher hat man gesagt, dass die Waldviertler ein bisserl misstrauisch und schwer zugänglich sind. Ich glaube, dass auch der Tourismus hier zu einer Veränderung beigetragen hat. Dieses Eigenständige, Spezielle, durchaus mit Ecken und Kanten ist etwas, das viele Leute heute suchen und schätzen.

Ein Aushängeschild ist das Fest „waldviertelpur“ in Wien. Wie schmerzhaft ist es, dass es heuer coronabedingt zum zweiten Mal ausgefallen ist?
Schwarzinger:
Natürlich sehr schmerzhaft. „waldviertelpur“ war neben einer riesigen Leistungsschau des Waldviertels auch eine große Visitenkarte, die wir in Wien abgeben. Viele Partner begrüßen dort ihre Stammkunden. Wenn so etwas zwei Jahre lang nicht stattfindet, geht viel verloren. Vor einigen Monaten haben wir aber mit der Planung für 2022 begonnen. Aus heutiger Sicht gehen wir von einem normalen „waldviertelpur“ vom 18. bis 22. Mai aus.

Abschließend zu den schönen Seiten des Waldviertels: Wie würden sie die Region in drei Worten zusammenfassen?
Schwarzinger:
Da bediene ich mich der Marke „Waldviertel, wo wir sind ist oben“, das bringt es gut auf den Punkt: echt, pur und unverfälscht. Es ist bemerkenswert, dass diese Markenwerte schon seit vielen Jahren bestehen und nach wie vor den Nagel auf den Kopf treffen.