Jugendzentrum Zwettl: „Rebellieren geht jetzt nicht“. Kerstin Tüchler vom Jugendzentrum Zwettl im Gespräch mit NÖN-Redaktionsleiter Markus Füxl über Coronafrust bei der Jugend und Auswege daraus.

Von Markus Füxl. Erstellt am 01. April 2021 (04:33)
Kerstin Tüchler im Büro des Jugendkulturtreffs Zwettl. Trotz Corona hatten 2020 die Mitarbeiter mehr Besuch als noch im Jahr davor.
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Die Jugendarbeit lebt vom direkten Kontakt – der war wegen Corona zuletzt stark eingeschränkt. Wie war die Situation für euch im abgelaufenen Jahr?

Kerstin Tüchler: 2020 waren insgesamt 1.063 Jugendliche bei uns, 2019 waren es 709. Die Kurve geht bergauf, das ist in Anbetracht von Corona beachtlich. Hier hat auch die Übersiedelung auf den Neuen Markt sicher einen positiven Effekt. Die Beratungen waren mit insgesamt 241 natürlich rückläufig, da wir auch vier Monate lang geschlossen hatten und auch nicht so oft die Schulen besuchen konnten. Die Jugendberatung lebt gerade von diesem niederschwelligen Angebot.

Wie hat Corona eure Arbeit eingeschränkt?

Tüchler: Wir sind natürlich während der Lockdowns mit den Jugendlichen per WhatsApp und Telefon in Kontakt geblieben. Am Anfang waren wir natürlich auch überrascht und überfordert.

Immer wieder hört man, dass Corona Kinder und Jugendliche psychisch stark belastet. Merken Sie diese Tendenzen?

Tüchler: Ja, man merkt in den Gesprächen, dass die Situation für viele sehr anstrengend ist. Das Rebellieren, sich Lebensraum aneignen und Anecken in der Gesellschaft, das für Jugendliche typisch ist, geht aktuell einfach nicht. Außerdem ist es für viele Schüler während der Lockdowns schwierig, die Struktur zu finden. Viele können mit Arbeitsaufträgen im Home Schooling nur schlecht umgehen, in der Unterstufe ist das schon eine große Herausforderung.

Gerade für Jugendliche ist Schule ein wichtiger Ort der sozialen Interaktion. Wie gingen die Schüler 2020 mit der neuen Situation um?

Tüchler: Das hat sich gedreht: Am Anfang waren noch einige froh, nicht in die Schule zu müssen. Mittlerweile ist das nicht mehr der Fall, nur ein ganz kleiner Teil freut sich, von daheim aus zu lernen. Die meisten wünschen sie die tägliche Struktur der Schule.

Wie bieten Sie diesen Jugendlichen dann Rat?

Tüchler: Wir versuchen, sie in Gesprächen zu motivieren, mindestens einmal am Tag rauszugehen und mit Freunden zu telefonieren. Bei der Jugendberatung gehen die Probleme in Richtung Familie, Freunde und soziale Medien. Auch Zukunftsperspektiven, Körperbefinden und alternative Freizeitmöglichkeiten fließen als Themen mit ein. Corona ist definitiv eine eigene Kategorie, dir wir aber erst seit heuer als eigenen Punkt explizit erfassen. Neben den Beratungen bieten wir auch Workshops an, 2020 waren es 17, was für die Situation relativ viel ist. Die meisten drehen sich um die Themen Sexualität und Verhütung. Im Herbst veranstalteten wir auch einen Online-Workshop.

Ein Workshop per Laptop: Wie hat das funktioniert?

Tüchler: Eigentlich ganz gut. Wir waren etwas unsicher, da man das direkte Feedback nicht immer bekommt, einige schalten ihre Kamera wegen der schlechten Internetverbindung aus. Unsere Arbeit lebt halt von der Interaktion. Beratung würde auch in Zukunft über Zoom und Co. funktionieren, bei Workshops ist das natürlich schwieriger.

Was können Sie Jugendlichen raten, um „Coronafrust“ loszuwerden?

Tüchler: Einfach rausgehen, mit dem Rad fahren und auch Zeit an Orten und auf Geländen zu verbringen, die man nicht gewohnt ist. Wir bieten auch im Juzz einen Online-Treffbereich. Außerdem haben wir Mittwoch bis Freitag geöffnet (siehe Infobox, Anm.) und sind weiter für die Jugendlichen da. Außerdem sind wir in unserer mobilen Jugendarbeit auf der Straße unterwegs.

Wie funktioniert diese mobile Jugendarbeit genau?

Tüchler: Einmal in der Woche gehen wir Plätze ab, wo sich Jugendliche meistens aufhalten. Wir bieten ihnen dann Gespräche an, viele freuen sich, wenn sie uns sehen und jemanden zum Reden haben. Das ganze entstand Anfang Dezember des Vorjahres, weil viele Jugendliche gesagt haben: Immer nur vor dem PC und in Zoom-Meetings zu sitzen, ist auch langweilig.

Wie schwierig ist die Arbeit mit Maske – viel wird ja über Mimik transportiert, die jetzt fehlt?

Tüchler: Da geht natürlich ein Teil verloren. Wenn man die Jugendlichen schon vorher gekannt hat, können wir das besser einschätzen. Auch die Augen sagen natürlich einiges aus. Wir sprechen die Jugendlichen dann aber auch gezielt auf ihre Gefühle an. Ihnen selbst geht es mit uns ja auch nicht anders, sie bekommen das Feedback nicht so, wie sie es gewohnt sind. Wir helfen uns mit Videotelefonaten, dort gibt es ja auch Mimik.

Was erhofft ihr euch für das Jahr 2021?

Tüchler: Wir hoffen, dass wir den Treffbereich wieder aufmachen können. Man muss sich natürlich den Gegebenheiten anpassen, aber wir wollen den Jugendlichen auch wieder Raum bieten. Wir hoffen, dass wir unser reguläres Programm ab Sommer wieder anbieten können.