Medizinische Sensation: Erste taube Musikschullehrerin. Die taube Laura Korhonen kann dank modernsten Implantaten wieder hören, singen und unterrichten.

Von Markus Füxl. Erstellt am 16. September 2020 (04:39)
Laura Korhonen kann dank zweier Implantate wieder hören und musizieren.
Markus Füxl

Die Sängerin Laura Korhonen verlor vor einigen Jahren ihr Gehör in beiden Ohren. Jetzt gelang die medizinische Sensation: Mit speziellen Implantaten kann Laura wieder hören – und singen! Vergangene Woche stand sie wieder zum ersten Mal als Musikschullehrerin vor ihren Schülern. Der NÖN hat sie erzählt, wie das gelang.

2009: Und plötzlich war es still

Vor elf Jahren kam die gebürtige Finnin nach Österreich. Sie studierte Jazzgesang bei der Koryphäe Ines Reigen. Im November bemerkte sie ein komisches Gefühl im linken Ohr. Es folgten mehrere Gehörstürze. Nach einem ersten Aufenthalt im AKH kam das Gehör von selbst wieder – bis zum März 2010. Seit diesem Zeitpunkt konnte Laura mit dem linken Ohr nur mehr startende Flugzeuge und Bassspuren wahrnehmen.

„Ich habe schnell gelernt, nur mit einem Ohr zu hören“, erzählt Laura. 2011 gründet sie mit ihrem Lebensgefährten Aron Saringer die Band „Satuo“. Bei der ersten großen Tour in Prag kam der nächste Rückschlag: „Mir war schwindlig und plötzlich konnte ich auch rechts nichts mehr hören. Das war ein Schock, wir sind überstürzt ins AKH gefahren“, sagt Laura. Behandlungen mit Cortison halfen zunächst.

2018: Schock, Trauer, Zorn

Im Jahr 2018 folgten weiter Gehörstürze. Plötzlich war das Hörvermögen im rechten Ohr weg. „Im Spital in St. Pölten hieß es: Das Gehör kommt ziemlich sicher nicht zurück. Ich war im Schock, später kamen dann die Trauer und der Zorn“, erklärt Laura. Bis zu diesem Zeitpunkt unterrichtete sie an der Musikschule Groß Gerungs Pop- und Jazzgesang. Das und die Band „Satuo“ rückten in unerreichbare Ferne.

Lippenlesen und Implantate

Weil Laura zu diesem Zeitpunkt bereits ein Kind hatte, musste sie „funktionieren“, sagt sie: „Ich habe schnell gelernt, von den Lippen zu lesen.“ Unterhaltungen mit Aron liefen über den Laptop oder Sprache-zu-Text-Programmen am Handy.

2019 gab es schließlich Hoffnung: In zwei Operationen wurden Laura spezielle Implantate eingesetzt. Aron erklärt: „Solche Eingriffe bergen Risiken. Die Ärzte könnten Gesichts- oder Geschmacksnerven erwischen, die Wunden können sich entzünden.“ Die beiden zögerten aber nicht lange und sagten Ja.

Wie funktionieren die Implantate?

An jeder Seite hat Laura unter der Haut ein Gerät hinter dem Ohr. Ein Sprachprozessor kann dort hinter der Schläfe mittels Magnet angebracht werden. Im Ohr befindet sich eine „Spule“ mit zwölf Elektroden.

Laura Korhonen zeigt ihr linkes Implantat. Nach mehreren Gehörstürzen war sie zuletzt auf beiden Ohren taub. Dank modernster Medizin kann sie wieder hören.
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Das Implantat umgeht die defekten Haarzellen und sendet die Schallinformationen in Form von elektrischen Impulsen an den Hörnerv, beziehungsweise das Gehirn, wo sie als Klänge wahrgenommen werden.

Darth Vader und Donald Duck

Nach einem Monat konnte Laura das Knallen einer Tür und Hundebellen wahrnehmen, es folgten Sätze und einzelne Wörter. „Es hat sich angehört wie eine Mischung aus Darth Vader und Donald Duck“, erinnert sich die Sängerin zurück. Über Monate hinweg musste sie das Hören neu erlernen. „Musik war am Anfang Folter für mich. Die Instrumente klangen furchtbare, beim Singen habe ich die Intervalle nicht getroffen. Auch einfache Kinderlieder konnte ich nicht singen“, sagt Laura.

Nach mehreren Treffen mit einer Expertin in Innsbruck fand das Paar die richtigen Einstellungen für die Implantate. Seitdem kann Laura wieder singen, einzig bei hohen Tönen und beim Telefonieren hat sie noch Schwierigkeiten.

Das dritte Ohr und Ed Sheeran

Noch ein Gerät erleichtert Laura den Alltag: Ein kleines Mikrofon sendet ebenfalls Impulse an ihre Implantate. Dafür gibt es sogar eigene Einstellungen, die sich an die Geräusche der Umwelt anpassen, etwa „Kaffeehaus“, oder „Bühne“. Außerdem kann sie mit den Implantaten über Bluetooth Radiohören oder Fernsehen. „Wenn ich auf meinem Handy Bluetooth eingeschaltet habe und einen Anruf bekomme, hebt Lauras Kopf ab. Sie ist ein richtiger Musikcyborg“, scherzt Aron.

Dass Laura lange Zeit taub war, zeige sich auch beim Wissen um aktuelle Musik: „Laura hat die Pophits der letzten Jahre verpasst. Sie lernt gerade Ed Sheeran richtig kennen “, sagt Aron.

Mit den Implantaten lebt auch die gemeinsame Band „Satuo“ wieder. Ende Juli 2021 steht ein Konzert in der Burg Rappottenstein auf dem Plan. Getourt soll auch wieder werden: „Wir hoffen natürlich auf viele weitere Konzerte“, sagen beide und strahlen.