Skandal um Haslinger-Buch: „Geht nicht um Bestrafung“. Josef Haslinger erzählt der NÖN von Missbrauch in Stift Zwettl. Abt Szypulski kritisiert Vorgehen.

Von Markus Füxl. Erstellt am 05. Februar 2020 (06:04)
Der Schriftsteller Josef Haslinger beschreibt in „Mein Fall“ seinen Missbrauch als Sängerknabe im Stift Zwettl der 1960er Jahre.
PEN

Es ist wohl das meistdiskutierte Buch im Bezirk Zwettl: In „Mein Fall“ schildert der Autor Josef Haslinger, selbst gebürtiger Zwettler, von seinen Erlebnissen als Sängerknabe im Zisterzienserstift Zwettl. Dort wurde er in den 1960er-Jahren von mehreren Erziehern sexuell missbraucht. Bereits in den 1990er-Jahren machte Haslinger seine Erlebnisse öffentlich, im November 2018 wandte er sich dann an die Unabhängige Opferschutzkommission (auch Klasnic-Kommission genannt). Dreimal erzählt er dort seine Geschichte, bis ihn ein Protokollant sinngemäß dazu auffordert, die Geschichte selbst aufzuschreiben. Schließlich sei er doch Schriftsteller und könne besser mit Worten umgehen.

Haslinger fordert Aufarbeitung

Daraus ist das 139 Seiten lange Buch „Mein Fall“ entstanden. Die darin geschilderten Szenen sind explizit. Welchen Effekt sich Haslinger mit dem Buch erhofft? „Ich denke, dass es auch für andere Missbrauchsopfer nützlich sein wird. Ich gebe allen denselben Rat: Behaltet es nicht länger für euch, sprecht darüber. Ich kann das nicht für euch tun, das müsst ihr selber machen. Und wenn der Fall nicht verjährt ist, geht zusätzlich zur Staatsanwaltschaft.“

 „Derzeit bekomme ich täglich solche Schreiben, auch von ehemaligen Angehörigen des Konvents. Das Bild wird von Tag zu Tag grauslicher.“ Josef Haslinger

 Generell sei Haslinger kein Gegner der Verjährung. Ihm gehe es auch nicht um die Bestrafung der Täter. „Mir geht es darum, dass die Kirche diese Fälle endlich umfassend aufarbeitet und der Öffentlichkeit zur Kenntnis bringt. Das ist das Mindeste, was die Opfer von ihr erwarten können.“

Familienbesuche im Waldviertel

Sieht Haslinger „Mein Fall“ als Befreiungsschlag von seiner Kindheit? „Das Buch ist zumindest der Versuch, mit diesen Erlebnissen abzuschließen und nichts mehr zu beschönigen“, sagt er gegenüber der NÖN. Das Waldviertel besucht er hauptsächlich noch für Familientreffen. „Meine Gefühle gegenüber dem Waldviertel haben sich nicht verändert. Die Heimat kann man nicht abschütteln, sie ist nicht einfach ein Ort, sondern Teil des eigenen Lebens“, sagt er. Seiner Familie seien die Vorfälle seit fast 40 Jahren bekannt. Einer seiner Brüder hat ihn zum Schritt ermuntert, seine Erlebnisse in einem Buch aufzuschreiben.

Nicht an den Pranger stellen

Warum er so lange gewartet hat, um mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen? Im Buch schreibt Haslinger: „Ich will diese Leute nicht am Pranger vorgeführt bekommen.“ Zur NÖN sagt er: „Darum habe ich auch gewartet, bis alle gestorben sind. Ich wollte ihnen nicht ihren Lebensabend versauen, obwohl sie mir die Kindheit versaut haben.“

Von Stift Zwettl habe Haslinger noch keine Reaktion, obwohl „der Fall dort schon vor einem dreiviertel Jahr zur Stellungnahme an die Diözesankommission vorlag“, sagt er. Außerdem haben sich ehemalige Schüler aus Stift Zwettl mit ähnlichen Erfahrungen bei ihm gemeldet.

Abt kritisiert Haslinger

Seit 2017 ist Johannes Maria Szypulski Abt des Stift Zwettl. Zu den Vorwürfen sagt er im Gespräch mit der NÖN: „Josef Haslinger hat gesagt, dass er extra gewartet hat, bis sie tot sind. Über die Toten spricht man nur gut, oder gar nicht.“

S. Fischer Verlag

Sonst wollte sich Szypulski nicht zu dem Buch äußern und verweist auf eine Aussendung der Katholischen Presseagentur Österreich. Dort wird Szypulski zitiert: „Ich bedaure, dass so etwas überhaupt passiert ist. Dieses Vergehen erfüllt uns alle mit tiefer Scham und Bestürzung. Wenn so etwas passiert, ist das auch unser Leid. Wir können uns heute nur entschuldigen.“ Szypulski betont zudem, dass die Vorfälle 50 Jahre zurückliegen und das Knabenkonvikt bereits geschlossen wurde. Im Stift Zwettl habe heute wie bei allen Ordenseinrichtungen Prävention höchste Bedeutung.

Von der Klasnic-Kommision wurden Haslinger 10.000 Euro zugesprochen. Das entspricht auf einer vierstufigen Skala, die „Schwere, Dauer und Folgen der Übergriffe“ berücksichtigt einer Einschätzung zwischen der niedrigsten und zweiten Stufe.

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