Oberstrahlbacherin zu Besuch beim Kernreaktor. Anita Weixelbraun wagte die Reise zum Kraftwerk Tschernobyl und in die Geisterstadt Pripyat.

Von Markus Füxl. Erstellt am 28. April 2021 (04:32)

Eine massive Schutzhülle erinnert an die größte Nuklearkatastrophe in der Geschichte: 1986 kam es zum folgenschweren Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl. Das Gebiet um den Reaktor und die nächstgelegene Stadt Pripyat sind offiziell Sperrzone und alles andere als ein einladendes Ambiente. Nicht so für Anita Weixelbraun aus Oberstrahlbach. Sie besuchte 2019 Tschernobyl und die benachbarte Stadt Pripyat.

NOEN

„Ich war bei der Katastrophe 14 Jahre alt und habe das natürlich mitbekommen. Mich hat über die Jahre hinweg der naturwissenschaftliche Hintergrund fasziniert“, erklärt Weixelbraun. Mit einer Reisegruppe von knapp 20 Personen flog sie vor zwei Jahren zuerst nach Kiew, um von dort an zwei Tagen Pripyat und Tschernobyl zu besichtigen.

Vor dem Abflug klärte sie mit ihrem Hausarzt die Reise ab, denn das Gebiet weist vereinzelt noch immer sehr hohe Strahlenwerte auf: Normal sind Werte zwischen 0,03 und 0,08 Mikrosievert pro Stunde – an manchen Orten zeigten die Geigerzähler allerdings Werte von über 20 an: „Dort durften wir aus dem Bus auch nicht aussteigen“, erklärt Weixelbraun.

Generell brauche aber kein Besucher Angst vor der Strahlung haben: Bei einem Langstreckenflug nimmt man mehr Strahlung auf als dort. Trotzdem gibt es Stationen, die nicht besucht werden dürfen. Dazu zählt etwa der Keller beim Reaktor: Dort warfen die Arbeiter und Feuerwehrleute ihre Kleidung ab – noch nichts von der Verstrahlung wissend. Das Gewand befindet sich bis heute dort und gibt Strahlung ab: Messungen ergaben einen Wert von knapp 800 Mikrosievert pro Stunde.

„Verliert dort sehr schnell die Scheu“

Und wie ist die Stimmung beim „Sightseeing“? „Es ist komisch: Man sieht natürlich nichts von der Strahlung, du riechst und spürst nichts. Da verliert man schnell die Scheu“, erzählt Weixelbraun. Während des Besuchs dürfen Teilnehmer nichts berühren, essen oder sich auf den verstrahlten Boden setzen: „Man hat im Hinterkopf immer das Gefühl, als ob irgendetwas nicht stimmt. Erst im Laufe des Tages ist mir klar geworden: Es fehlen die Tiere und das Vogelgezwitscher. Es ist totenstill“, erklärt Weixelbraun.

Neben dem Sarkophag aus Beton und Stahl, der über den Reaktor errichtet wurde, besuchte die Gruppe auch den „Roten Wald“: Also jenen Waldteil, über den die nukleare Wolke in Richtung Pripyat gezogen ist. Dort haben alle Bäume ihre Nadeln verloren und sich verfärbt.

Ein Freizeitpark, der nie in Betrieb gegangen ist

Anders als man glauben könnte, ist das Gebiet nicht völlig menschenleer: Mittlerweile sind einige Menschen wieder in die Stadt zurückgezogen. Auch Arbeiter leben in Pripyat und kümmern sich weiter um das Kraftwerk: „Es wurde verkleinert und zurückgefahren, läuft aber noch immer“, sagt Weixelbraun. Komplett zurückgeholt hat sich die Natur allerdings den Freizeitpark, der wegen der Katastrophe nie offiziell in Betrieb gegangen ist: Moos und Pflanzen überwuchern das Autodrom, den Spielplatz und ein Riesenrad. Im Inneren des Fußballstadions steht ein Wald.

„Das tut mir als Fußballfan schon auch weh“, sagt Weixelbraun. Am berührendsten war für sie der Besuch im Krankenhaus, genauer auf der Säuglingsstation: „Das hat mich mitgenommen, ein Babybett neben dem anderen. Viele Menschen sind ja 1970 hergezogen und haben hier ihre Familien gegründet“, erzählt die Oberstrahlbacherin.

Der Besuch sei auf jeden Fall eine Reise wert gewesen: „Es ist sehr informativ, aber man sollte die Gefahr immer im Hinterkopf behalten.“ Von einem Massentourismus, wie es die dortigen Tourismusverantwortlichen planen, hält sie nichts: „Pripyat soll ein Mahnmal sein und zum Denken anregen. Ein Kraftwerk produziert billige Energie. Hier sieht man aber, was man damit anrichten kann, wenn es nicht in guten Händen ist. Ich sehe Tschernobyl als Gedenkstätte für die vielen Menschen, die dort ihr Leben verloren haben.“