Interview mit Frauenberaterin Sonja Hahnl: Gewalt an Frauen nimmt zu

Erstellt am 19. Januar 2022 | 05:13
Lesezeit: 8 Min
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Sonja Hahnl führt in der Frauenberatung Waldviertel mit Hauptsitz in Zwettl psychosoziale und juristische Beratungen durch.
Foto: Frauenberatung Waldviertel
Ein Gespräch über Scham von Opfern, „Wegweisungen“ und den Mangel an Frauen-Notwohnungen im Waldviertel.
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NÖN: Wir haben fast zwei Jahre Pandemie und wiederkehrende Lockdowns. Österreichweit ist Gewalt an Frauen stark gestiegen. Wie erleben Sie dies im Waldviertel?

Sonja Hahnl: Wir verzeichnen seit den ersten Lockdowns einen Anstieg an Beratungen, in denen Gewalt eine Rolle spielt, um 30 bis 40 Prozent. Häusliche Gewalt ist deutlich gestiegen und wird allmählich stärker öffentlich gemacht.

NÖN: Sprechen die Fauen, die sich an Sie wenden, gleich direkt das Thema Gewalt an?

Hahnl: Oft ist das erste Thema, mit dem eine von Gewalt betroffene Frau in die Beratung kommt — erstmals telefonisch oder per Email — zunächst ein anderes, etwa Fragen rund um Erziehung oder zu finanziellen Fragen. Es ist ganz typisch, dass Gewaltvorfälle erst thematisiert werden, wenn zur Beraterin eine Vertrauensbasis aufgebaut wurde und die Klientin merkt, sie ist in der Frauenberatungsstelle in einem geschützten Rahmen. Bei uns gilt ja: Frauen beraten Frauen in einem geschützten Rahmen, der von Wertschätzung getragen ist.

NÖN: Melden sich jetzt auch mehr jugendliche Mädchen bei Ihnen?

Hahnl: Ja, denn zum einen ist in den letzten zwei Jahren die Not bei Kindern und Jugendlichen stark gestiegen. Sie leiden besonders an Planungsunsicherheit und sozialer Isolation in der Coronazeit. Zum anderen haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und bieten seit dem ersten Lockdown sowohl Beratung vorort in den Beratungsstellen an, als auch telefonische Beratung und Beratung per Email. Wir sind auch verstärkt über die neuen Medien aktiv geworden. So sind jüngere Frauen und Mädchen auf unser Beratungsangebot aufmerksam geworden.

NÖN: Was sind die häufigsten Anliegen der Mädchen?

Hahnl: Zuerst zur Statistik: Jede fünfte Frau in Österreich ist von Gewalt betroffen, jede dritte Frau erlebt sexuelle Belästigung ab dem 15. Lebensjahr. Jugendliche Mädchen betrifft aber nicht nur körperliche Gewalt, Gewalt muss heute breiter definiert werden: Wir reden heute von Cyber-Gewalt, Stalking, psychischer Gewalt und Mobbing in der Schule. Das hat ganz stark mit Machtverhältnissen zu tun, in denen Frauen abhängig sind und sich eine heftige Gewaltspirale daraus entwickeln kann.

NÖN: Begleiten Sie die Frauen, wenn Sie eine Anzeige machen wollen?

Hahnl: Unsere Aufgabe ist es, Frauen über weitere Schritte zu beraten, sie nicht zu drängen. Wenn eine Frau etwa aufgrund einer Sprachbarriere oder starker psychischer Belastung dazu nicht in der Lage sein sollte, dann begleiten wir in Ausnahmefällen auch zu Behörden. Meist initiieren wir jedoch Kontakte etwa zur Polizei, stellen Kontakt zum Gewaltschutzzentrum her und begleiten die Frau vor allem emotional.

Es geht uns ganz stark auch um die Selbstbestimmung der Frau. Natürlich neben einer klaren Haltung, dass hier Gewalt und damit Unrecht passiert, das zur Anzeige gebracht werden kann. Denn wir stellen uns das von außen oft so vor, dass eine Frau eine Anzeige rasch nach der Beratung macht. In der Realität sieht das aber so aus: Durchschnittlich braucht eine Frau sieben Anläufe, um sich von einem gewalttätigen Partner zu trennen. Denn dazu gibt es viele Überlegungen der Frau, viele Fürs und Wider, viele Hoffnungen, dass sich der Täter ändert. Das ist ja das Schwierige in dieser Situation, der Täter ist ja oft auch der Vater der Kinder, er hat auch gute Seiten, aber die Gewalttätigkeit möchte die Frau nicht mehr länger mittragen.

NÖN: Kommen überhaupt alle diese Fälle von Gewalt zur Anzeige?

Hahnl: Es gelangt nur ein Bruchteil der Fälle zur Anzeige und nur eine Auslese davon kommt vor Gericht. Gewalt ist weitaus häufiger im unmittelbaren Nahbereich durch Familie oder Bekannte, das wollen die Opfer dann nicht publik machen. Es kann aber bei einer Anzeige ein Betretungs- und Annäherungsverbot erwirkt werden, da darf dann der Täter eine Zeit lang nicht die gemeinsame Wohnung betreten und sich dem Opfer bis auf 100 Meter nicht annähern. Wenn minderjährige Kinder involviert sind, dann informiert die Polizei auch die Kinder- und Jugendhilfe und auch Schule und Kindergarten. Hier besteht sehr gute Zusammenarbeit, und wenn sich der besagte Täter dennoch nähert, ist die Polizei zu rufen und die hilft.

NÖN: Wenn ein Täter diese „Wegweisung“ erhält, sind auch Kindergarten, Schulen und somit auch Familie, andere Eltern involviert und oft verunsichert. Wie sollen sich diese verhalten?

Hahnl: Bitte möglichst mit dem Opfer in Kontakt bleiben! Das Umfeld hat oft Scheu, mit der von Gewalt betroffenen Frau direkt zu sprechen. Die Frau und das Umfeld empfinden Scham, was skurril ist, weil der Täter Scham empfinden sollte. Bekannte oder Freunde könnten die betroffene Frau vielleicht fragen: „Wie geht es dir eigentlich, brauchst du irgendwas?“ Wenn der normale Alltag ein Stück weitergehen kann, mit einem Treffen mit Freundinnen und Bekannten, ein normales Gespräch mit anderen Eltern vorm Kindergarten der Kinder, Kinder, die sich weiterhin mit ihren Freunden treffen können, dann ist das ungemein stabilisierend. Was betroffene Frauen in dieser Ausnahmesituation brauchen ist zu wissen: Ich bin nicht allein. Mein Umfeld ist weiter für mich da: Eltern, Freunde und Freunde der Kinder sind Gold wert, das vermittelt ganz viel Sicherheit.

NÖN: Manchmal wehren sich Täter gegen diese Anordnung.

Hahnl: : Die Wegweisung besteht für zwei Wochen und kann innerhalb dieser Zeit durch Antrag auf insgesamt vier Wochen verlängert werden. Der Täter muss sechs Beratungsstunden absolvieren. Wenn ein Täter ein Betretungs- und Annäherungsverbot missachtet, dann ist unmittelbar die Polizei zu rufen.

NÖN: Ist da nicht oft zusätzlich die Scheu davor, Geld auszugeben, das man eh nicht hat?

Hahnl: Das ist es ganz bestimmt auch manchmal, es sind aber viele Angebote kostenlos, wie unseres in der Frauenberatung, da gibt es aber einige mehr, nur wissen das viele Menschen nicht, weil man nicht alltäglich in so eine Situation kommt.

NÖN: Zu Ihrem Angebot gehören auch Notwohnungen für Frauen. Sind diese besetzt? Gibt es einen Engpass?

Hahnl: Unsere Frauennotwohnung in Gmünd hatte im vergangenen Jahr eine noch nie dagewesene Auslastung. Sie war fast durchgehend voll belegt, die Warteliste ist lang. Das ist ganz klar, wenn man bedenkt, dass es für alle vier Bezirke nur eine einzige Frauennotwohnung mit insgesamt vier Plätzen gibt. Eine zweite Frauennotwohnung etwa in Zwettl wäre dringend notwendig, um mehr Frauen und deren Kindern direkt in der Region helfen zu können. Das ist natürlich eine Frage der Finanzierung. Wir sind sehr dankbar für die Förderungen, die wir bekommen von den öffentlichen Stellen, sonst könnten wir nicht arbeiten, es gibt engagierte Vereine, die immer wieder spenden. Wenn hier von einer neuen Frauennotwohnung die Rede ist, dann reden wir von Projekten, die viele Jahre brauchen, bis sie genehmigt sind

. Eine Fraunewohnung mit vier Wohnungen im ganzen Waldviertel ist viel zu wenig. Wir bräuchten in jeder Bezirksstatt eine. Frauen in Horn können nicht die Kinder aus dem Umfeld reißen, um nach Gmünd zu gehen, das ist nicht praktikabel. Wenn das Angebot und die Nähe steigen, dann steigt auch die Nachfrage. Unsere Notwohnungen sind sozialarbeiterisch begleitete WGs, eine Art Übergang, um Frauen in die Selbstständigkeit zu begleiten. Wir haben auch Familienzimmer, da können Kinder mit einziehen.

NÖN: Ist es einfach, Sie zu erreichen? Ist die Beratung wirklich anonym?

Hahnl: Die meisten Frauen nehmen telefonisch mit uns Kontakt auf und, je nachdem wo die Frau wohnt, teilen wir Beratungstermine ein – wir arbeiten komplett Bezirksübergreifend. Wenn die Frau das möchte, kann sie aber auch komplett anonym beraten werden. Wir nehmen Rücksicht auf die Arbeitszeiten der Frau, wobei wenn es um akute Gewalt geht, dann machen wir einen Termin ehestmöglich.

NÖN: Welche Themen der Frauen folgen nach Gewalt?

Hahnl: Finanzielle Themen und Fragen zu Beziehungen, zu Trennung/Scheidung und seit zwei bis drei Jahren mehren sich „Überlastung“ bei Frauen mit Kindern und Job und bei den psychischen Problemen merken wir einen deutlichen Anstieg. Wir haben vorher schon bemerkt, dass psychische Krankheiten thematisiert werden, aber seit den Lockdowns hat sich das sehr verstärkt. Da wo es eng wird, wo es Krisen gibt, ist die Psyche besonders belastet. Frauen sind mehr denn je aufgerieben zwischen Job, Homeoffice und Kinderbetreuung, die ganz nebenher während der Lockdowns auch geleistet werden soll. Diese Mehrfachbelastung übernehmen zu 90 Prozent Frauen. Da haben wir gesellschaftlich einen Rückschritt gemacht, was die Rollenaufteilung betrifft und das merken wir stark: Es kann sich nicht ausgehen, gleichzeitig zu arbeiten, Kinder zu betreuen, Homeschooling zu übernehmen, den Haushalt zu schupfen, vielleicht noch ältere odere kranke Verwandte zu unterstützen und gut und gesund durch die Pandemie zu kommen. Das gilt umso mehr für Alleinerzieherinnen! Wir müssen hier umdenken und typische „Frauenarbeit“ neu bewerten und finanziell gerecht abgelten. Frauen arbeiten oft in systemerhaltenden Berufen wie Einzelhandel, Pflegerinnen, Krankenschwester. Auch das hat die Pandemie deutlich gemacht.

NÖN: Sind Sie mit allen Standorten vernetzt? Welche Projekte machen Sie gemeinsam?

Hahnl: Wir haben den Hauptsitz in Zwettl, aber wir haben auch drei Außenstellen in den Bezirkshauptstätten des Waldviertel – wir arbeiten übergreifend, es sind alle Kolleginnen mindestens an einem zweiten Standort tätig, wir tauschen uns regelmäßig aus und kennen die Klientinnen der anderen. Wir sind sieben Personen im Psychosozialen und juristischen Beratungsteam, wir könnten gut noch Kolleginnen brauchen, um schneller Beratungen anbieten zu können.

Wir haben 2021 auch ein neues Antigewalt Projekt an Schulen mit Gewaltpräventionsworkshops für 14 bis 18jährige Schüler gestartet, die sich sehr schnell etabliert haben. Gewaltprävention beginnt ganz früh und geht Mädchen und Burschen an!

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