Zieleinlauf ohne Beine: Josy startet durch. Kinderärztin Erika Hronicek holte Josiane Iradukunda von den Straßen Ruandas. Heute läuft das Mädchen für ihr Leben gern – das mit drei Prothesen.

Von Markus Füxl. Erstellt am 09. September 2020 (09:08)
Laufen trotz zwei Beinprothesen: Für Josy kein Problem.
Markus Füxl

Reiten, Schwimmen, Laufen: Die elfjährige Josy hat Freude an der Bewegung – und das trotz ihres Handicaps: Das Mädchen verlor nach einem Unfall beide Beine sowie den linken Arm.

Josiane Iradukunda lebte bis zu ihrem 6. Lebensjahr in Ruanda. Die Zwettler Kinderärztin Erika Hronicek fand das verletzte und unterernährte Mädchen auf der Straße und nahm es mit nach Österreich. Die Ärztin hilft seit 15 Jahren mit ihrem „Projekt Ruanda“ notleidenden Kindern in Afrika, die NÖN hat berichtet.

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In Zwettl nahmen Hroniceks Sohn Nikolai und dessen Gattin Jana Josy auf. Nach mehreren Operationen musste Josy mit ihren Prothesen das Gehen neu erlernen. „Ich kann mich noch an die ersten Schritte erinnern, da sind ihr die Schweißperlen runtergelaufen“, erzählt Jana Hronicek beim NÖN-Besuch.

Trompetespielen dank Armprothese möglich

Beim Deutschlernen habe sich Josy leicht getan, sagt Erika Hronicek: „Sie ist ein gescheites Mädchen.“ Aktuell besucht die Sportbegeisterte die zweite Klasse des Zwettler Gymnasiums. Ihre Lieblingsfächer sind Turnen, Englisch, Musik und Werken. Beim Trompetenspielen hilft ihr eine elektronische Armprothese, die sie über ihre Muskeln steuern kann: „Der Ellenbogen ist dabei quasi ihr Daumen“, erklärt Jana Hronicek.

„Muss mir keine Schuhe anziehen“

Vor kurzem nahm die Elfjährige an den „Talent Days“ des paralympischen Komitees teil. Dort ist sie mit Paralympics-Sieger Heinrich Popow um die Wette gelaufen. „Das Laufen ist einfach ein tolles Gefühl. Ich werde schnell müde, aber es ist schön. Außerdem muss ich mir keine Schuhe anziehen“, sagt Josy lachend. Jana Hronicek ergänzt: „Wir haben Schuhe, Josy hat ihre Prothesen.“

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Ein spezielles Paar benutzt die Elfjährige zum Gehen, ein weiteres zum Laufen. Zum Skifahren hat sie ein weiteres Paar, erklärt Erika Hronicek, die sich an einen Skiurlaub am Semmering erinnert: „Da standen wir an einem sehr steilen Hang. Josy hat dann scherzhaft gemeint, dass sie dort nicht fahren kann, weil ihr die Füße weh tun.“ Auch einen Radfahrführerschein hat die Elfjährige gemacht – das mit einem Dreirad. Stand-Up-Paddeln, Badminton, Volleyball, alles kein Problem für Josy. „Es gibt fast nichts, was sie nicht kann“, sagt Jana Hronicek.

Lauftrainings beim SC Zwickl Zwettl

Aktuell absolviert die Elfjährige regelmäßig Lauftrainings beim SC Zwickl Zwettl. Auch beim Zwettler Stadtlauf nahm sie bereits mehrmals erfolgreich teil.

Eine elektronische Armprothese erleichtert Josy den Alltag. Mit den Muskeln unter dem Ellenbogen kann sie die Finger bewegen.
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Mittlerweile hatte Josy schon über 50 Termine in Kliniken in Wien. Noch in dieser Woche steht eine weitere wichtige Operation an. Auch bürokratisch gibt es immer wieder etwas zu erledigen: So muss das Visum laufend erneuert werden. „Wir hoffen, dass wir bald eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen“, sagt Jana Hronicek. Bei der Verabschiedung denkt Josy schon wieder an den Sport: Heute steht noch Reiten auf dem Programm.