100 Jahr NÖ: Befreit, aber nicht frei

Erstellt am 18. Juni 2022 | 03:21
Lesezeit: 3 Min
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Nicht viele Bilder aus der Besatzungszeit sind bis heute erhalten. Hier zu sehen: sowjetische Soldaten in Niederstrahlbach.
Foto: Foto Stadtarchiv Zwettl
Nach dem Krieg marschierten die Russen in Zwettl ein. Einige besonders harte Stunden sollten auf die Stadt zukommen.
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1945 war der Krieg vorbei, doch die wirklich harten Stunden sollte Zwettl erst noch vor sich haben. Zehn Jahre lang stand Österreich unter den Besatzungsmächten. In Niederösterreich hatten plötzlich die Sowjets das Sagen.

Während sich die Lage in den darauffolgenden Jahren Stück für Stück bessern sollte, war gerade zu Beginn ein besonders rauer Ton angesagt. Am 9. Mai 1945 fuhren die ersten Einheiten der Sowjets in Zwettl ein. „Schon in der darauffolgenden Nacht gab es Plünderungen, Vergewaltigungen, Morde und Selbstmorde, die nachkommenden Truppen der Roten Armee aus der Etappe wüteten dann noch ärger“, heißt es im 1. Band von „Zwettl Niederösterreich“.

Jeden Tag soll es zu Plünderungen und Schändungen gekommen sein, wie Beobachter Josef Leutgeb später berichtete. „Am 13. Mai fand man in Zwettl ein größeres Warenlager, das für die Bevölkerung lange gereicht hätte. Am 19. Mai war im Stift Zwettl kein Heu und Stroh für das Vieh vorhanden, die Wiesen waren zertreten und wurden von großen Tierherden abgeweidet. Es getraute sich auch niemand auf die Felder hinaus“, schilderte er in einem persönlichen Bericht.

Der Bevölkerung wurden unter anderem auch Uhren und Fahrzeuge weggenommen. So hatte Tierarzt Leimer bei seiner ersten dringenden Ausfahrt nach dem Einmarsch kein Auto mehr gehabt. Ebenfalls musste die gesamte Bevölkerung ihre Rundfunkgeräte abgeben. Bis zum 17. Mai sammelten die Besatzer 1.146 Radios ein. Ab 22 Uhr herrschte Ausgangssperre.

Das Kommando der Roten Armee zog unterdessen im heutigen Finanzamt in der Hamerlingstraße ein. Später gab es noch einen Umzug in das Hotel „Goldener Löwe“, heute das Volksbank-Gebäude. Mit dem Einzug der Sowjets brach wortwörtlich auch eine „Russische Zeit“ an. So mussten sich ab 19. Mai die Uhren nach Moskau ausrichten und zwei Stunden vorgestellt werden. Die Regelung galt bis Ende Juni, ehe Zwettl wieder in die eigene Zeitzone zurückkehren durfte.

4.000 freigelassene Rinder beim Schickenhof

Die Lebensmittelknappheit war nun auch endgültig in der Bevölkerung angekommen. Waren konnten nur in beschränkter Menge gegen Lebensmittelkarten abgeholt werden. Noch dazu verloren die Bauern fast ihr gesamtes Vieh. Die Sowjets raubten Pferde, Rinder und Schweine nach Belieben. Manche von ihnen wurden einfach freigelassen. Beim Schickenhof haben um die 4.000 frei gelassene Rinder geweidet. Nachdem nun auch Zugtiere fehlten, konnten die Bauern auch ihre Felder nicht mehr bestellen.

Für viele ehemalige Wehrmachtssoldaten ging es zudem über Zwischenlager am Truppenübungsplatz nach Russland in die Gefangenschaft. Einige starben in den Zwangsarbeitslagern, manche kamen erst viele Jahre später in die Heimat zurück.

Quelle: „Zwettl Niederösterreich - Band 1“ - herausgegeben von der Stadtgemeinde Zwettl

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