100 Jahre Niederösterreich: Von Hitler zu Stalin

Erstellt am 06. Juli 2022 | 03:15
Lesezeit: 3 Min
440_0008_8400281_zwexx_100_besatzung.jpg
Zwettls Bürgermeister Hermann Feucht, flankiert von zwei russischen Offizieren auf dem Zwettler Fußballplatz, vermutlich anlässlich einer Veranstaltung, die dort abgehalten wurde. Circa 1950.
Foto: Stadtarchiv Zwettl
Mit der Besatzung der Sowjetunion machten sich völlig neue Einflüsse in Zwettl bemerkbar, mit Folgen für die Wirtschaft.
Werbung

Zehn Jahre lang stand Zwettl unter der Besatzung der Sowjetunion. Zehn Jahre, um sich an das ehemalige Feindbild, das nun die Macht innehatte, gewöhnen zu können. Zehn Jahre, in denen der Kommunismus seine Einflüsse auf die Zwettler Gesellschaft und Wirtschaft ausüben konnte.

Sehr schnell nach dem Krieg wurde überall von den „Befreiern“ gesprochen. Das positive Licht auf den Besatzern wurde von diesen selbst mit viel Druck forciert. Von einem freien Österreich konnte man trotz der Wortwahl nicht sprechen.

Am 14. Juli fand erstmals eine Militärparade der Roten Armee in Zwettl statt. „Mit Musik und Gesang marschierten die einzelnen Abteilungen am Befehlshaber der Truppen vorbei. Die Bevölkerung von Zwettl nahm freudig an dem Ereignis Anteil“, schrieb damals der „Waldviertler Bote“, die Nachfolge-Zeitung der „Zwettler Nachrichten“. Ob es für die Zwettler wirklich so ein freudiges Ereignis war, sei infrage gestellt.

Die nur einige Jahre zuvor umbenannten Straßen erhielten nun ihre alten Namen zurück. Aus der Kaiser Wilhelm-Straße wurde wieder die Landstraße. Die Schönerer-Straße wurde zur Weitraer Straße, und die Bismarckstraße hieß nun wieder Gerungser Straße. Auch die Ernennung des Zwettler Hauptplatzes zum „Adolf Hitler-Platz“ wurde folglich rückgängig gemacht. Lange sollte das aber nicht so bleiben, denn am 8. Mai 1946 wurde er zum „Josef Stalin-Platz“. Auch die Errichtung eines Sowjetfriedhofs ordneten die Besatzer an. Dieser wurde samt einem Denkmal am Propsteiberg realisiert.

Wirtschaftlich gesehen war die Kriegsniederlage natürlich eine Katastrophe, an der das Land noch viele Jahre zu knabbern hatte. Im Vergleich mit den anderen Besatzungszonen der Amerikaner, Franzosen und Briten blieb Niederösterreich ein Stück zurück. Die Beschlagnahmung „Deutschen Eigentums“ trug seinen Teil dazu bei. In ganz NÖ gingen rund 700 Fabriken, Handelsunternehmen sowie die gesamte Mineralölgesellschaft in sowjetischen Staatsbesitz über.

Unter der Abkürzung „USIA“ (übersetzt: Verwaltung des sowjetischen Vermögens im östlichen Österreich) entstand ein Wirtschaftimperium außer Kontrolle der österreichischen Gesetze. In Zwettl gehörten das ÖROP-Tanklager in der Schwarzenauer Straße und eine Gemischtwarenhandlung in der Schulgasse (von der Bevölkerung als „Russen-Konsum“ bezeichnet) zur USIA. Diese Betriebe konnten frei von Steuern wesentlich billiger verkaufen. Der Schaden für die restliche Wirtschaft war groß, sowohl für den Staat, die Gemeinden als auch die Privatwirtschaft.

Quellen: Zwettl-NÖ I. Die Kuenringerstadt - von einer Arbeitsgemeinschaft unter Walter Pongratz und Hans Hakal; Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945-1955 - Stefan Karner und Barbara Stelzl-Marx.

Werbung