Freispruch für Putzfrau erst in Runde zwei. Krankenschwester will Putzfrau beim Stehlen erwischt haben. Diese spricht von „unglücklichen Zufällen“.

Von Markus Füxl. Erstellt am 18. Juni 2020 (03:37)
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APA (Symbolbild)

Über einen mutmaßlichen Diebstahl auf der Herzüberwachungsstation des Zwettler Landeskrankenhauses wurde am Bezirksgericht verhandelt. Frau H., eine 25-jährige Reinigungskraft, habe vergangenes Jahr in die Tasche einer Krankenschwester, Frau R., nach einer Geldbörse gegriffen, schilderte die Besitzerin der Handtasche, die H auf frischer Tat ertappt habe. Die Angeklagte plädierte auf unschuldig. Weil der Richter weitere Zeugen einvernehmen wollte, wurde ein erster Termin vor einigen Wochen verschoben, die NÖN hatte berichtet.

Zeugin: „Bild passte nicht zusammen.“

In Gesprächen mit drei Zeuginnen sowie der Angeklagten selbst versuchte der Richter, die Abläufe zu rekonstruieren. Dabei kam es zu „gewissen, nicht unmerklichen Unschärfen“, wie er später erläuterte. So verließ eine Zeugin laut eigener Aussage kurz vor den Ereignissen die Herzüberwachungsstation und ging an H. vorbei: „Für mich passte das Bild nicht zusammen. Sie hatte Handschuhe an, aber nichts zum Putzen mit“, erzählte sie dem Richter. Später sei die Zeugin auf R. getroffen, die kurz danach den Raum betrat und nach eigener Aussage die Putzfrau mit der Börse in der Hand erwischte.

„Sie bewegen sich auf Messers Schneide. Ich habe zu Ihren Gunsten zwei Augen zugedrückt.“ Der Richter zur Angeklagten bei der Urteilsverkündung

Die Angeklagte schilderte den Hergang so: Sie trug einen Schlüsselbund um den Hals. Als sie sich über die Handtasche beugte, die auf einem Sessel bei einem Fenster stand, löste sich ein Schlüssel und fiel in die Tasche. Sie durchsuchte die Tasche und nahm dazu die Börse in eine Hand. Mit der anderen fischte sie den Schlüssel heraus und befestigte ihn wieder am Schlüsselbund. In dem Moment kam R. in den Raum. Die erste Zeugin sei erst später dazugekommen und nicht zuvor an ihr vorbeigegangen.

Ob tatsächlich Geld aus der Börse fehlte, die Handtasche geöffnet war und was die Angeklagte zum Zeitpunkt in der Hand gehalten hatte, konnten die Zeuginnen nicht mehr eindeutig sagen.

Ungereimtheiten bei der Vernehmung?

Als Zeuge war auch der Polizeibeamte geladen, der die Einvernahme mit Frau H. durchgeführt hatte. Die Angeklagte warf ihm vor, sie als „dummes, trotziges Mädchen“ beschimpft zu haben. Der Beamte entgegnete: „Es kann sein, dass es kurzfristig verbal lauter zugegangen ist. In meinen 29 Jahren als Polizist ist es in meinen Vernehmungen aber noch nie zu Übergriffen gekommen!“

Ihm und einem Kollegen sei die Version von H. komisch vorgekommen: „Das ist eine Häufung von Zufällen.“ Schließlich habe die Angeklagte nichts mehr ohne einen Anwalt sagen wollen. Der Verteidiger von H. beschwerte sich, keine Akteneinsicht vor dem offiziellen Vernehmungstermin erhalten zu haben und darüber, dass der Beamte H. nicht ausführlich über ihre Rechte aufgeklärt habe. Der Beamte entgegnete: „Bin ich jetzt Zeuge oder Beschuldigter?“

Freispruch mit zugedrückten Augen

Der Richter verkündete Freispruch und sagte zur Angeklagten: „Ihre Aussage ist eine Verkettung, die im Leben äußerst selten vorkommt. Mir fehlt aber die erforderliche Sicherheit um davon ausgehen zu können, dass sie den Diebstahl verüben wollten. Sie bewegen sich auf Messers Schneide, ich habe zu Ihren Gunsten zwei Augen zugedrückt.“