Hochwasser: „Leute haben gehofft, dass wir sie retten“

Erstellt am 03. August 2022 | 05:08
Lesezeit: 5 Min
Der frühere Zwettler Bezirksfeuerwehrkommandant Gerwalt Brandstötter spricht 20 Jahre nach dem Hochwasser in Zwettl über dramatische Einsätze während der Flut, schlaflose Nächte und die Wochen danach.
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Vor 20 Jahren überschwemmte ein Hochwasser weite Teile des Bezirks. Auch die Stadt Zwettl war stark von den Schäden betroffen. Anlässlich des Jahrestages lädt die Stadtgemeinde Zwettl am 16. August zu einer Ausstellung ein, mehr dazu auf Seite 11. Dort erzählen Augenzeugen in Tonaufnahmen von ihren Erlebnissen, so auch der damalige Bezirksfeuerwehrkommandant Gerwalt Brandstötter.

Markus Füxl (Stadtgemeinde Zwettl) sprach mit Gerwalt Brandstötter über die Ereignisse beim Jahrhunderthochwasser. Die NÖN veröffentlicht das Gespräch in voller Länge:

NÖN: Was haben Sie sich vor 20 Jahren gedacht, als es Anfang August stark zu regnen begonnen hat?

Gerwalt Brandstötter: Es hat damals niemand damit gerechnet, dass das eine solche Jahrhundertflut wird. Hochwasser hat es auch in Zwettl immer wieder gegeben, meistens im Bereich Oberhof. Diesmal stieg aber auch die Zwettl und war teilweise gefährlicher als der Kamp. Am 7. August hat sich die Lage am Nachmittag dann zugespitzt.

Welche Situationen sind Ihnen von damals im Gedächtnis geblieben?

Brandstötter: Es kam zu sehr dramatischen Situationen: Eine schwangere Frau fuhr von der Allentsteiger Straße nach Zwettl und konnte mit dem Auto plötzlich nicht mehr weiter. Ich habe dann einen Fahrer und einen Sanitäter mit unserem Vorausfahrzeug hingeschickt. Die drei sind durch das Hochwasser gefahren. Wenn es sie in die reißenden Fluten gerissen hätte, wäre es das gewesen. Sie sind gerade noch so zum Krankenhaus durchgekommen. Einige Tage später kam das zweite Hochwasser, bei einem Fischteich bei Ratschenhof drohte ein Damm zu brechen. Wir haben dann die ganze Syrnau und die Parkgasse evakuiert. Um zwei Uhr in der Nacht hilft dir keine Durchsage im Radio oder Fernsehen. Wir sind mit Lautsprechern durchgefahren und haben an jede Tür geklopft. Glücklicherweise hat der Damm gehalten.

In der ersten Nacht am 7. August wurden 69 Menschenrettungen durchgeführt. Wie muss man sich diese Rettungen vorstellen?

Brandstötter: Die Leute sind teilweise auf ihren Dachbodenstiegen gesessen und haben gehofft, dass wir sie retten. Wir haben dann immer drei bis vier Leute auf unseren Unimog gehoben und sie zu uns in die Fahrzeughalle gebracht, wo wir Tische und Bänke vorbereitet hatten. Mit einer Zille haben wir uns in der ersten Hochwassernacht nicht fahren getraut. Wenn es dich dabei abtreibt, dann bist du futsch. Es gab natürlich auch einige Sturköpfe, die sich nicht retten haben lassen. Einen von ihnen haben wir dann jeden Tag von einer Zille aus mit Mineralwasser, Gebäck und Essen versorgt, so hat er das Hochwasser überdauert.

Wenige Tage später kam dann das zweite Hochwasser…

Brandstötter: Man war schon schlauer und hat weitere Schutzmaßnahmen getroffen. Obwohl man Schaltafeln und Sandsäcke aufgestellt hat, brachte die zweite Welle enormen Schlamm.

So wurden etwa die Zwettler Brauerei und die damalige Gärtnerei Hahn verwüstet. Die Parkspirale hat es bis oben hin mit Wasser gefüllt, dass die Autos darin geschwommen sind. Die zweite Welle hat fast mehr Schaden angerichtet als die erste.

Insgesamt waren kurz darauf fünf Züge des Katastrophenhilfsdienstes im Einsatz: Zwei haben die Brauerei vom Schlamm befreit, sie war nach einem Tag wieder produktionsfähig. Ein weiterer Zug war bei der Gärtnerei Hahn im Einsatz, einer bei den Häusern in der Hauensteinerstraße und Kamptalstraße und ein weiterer beim Oberhof. Ein zusätzlicher Zug hat später noch das Parkhaus ausgepumpt.

Wie viele Menschen waren im Einsatz? Wie schwierig war es für Sie, die Einsatzkräfte zu koordinieren?

Brandstötter: Im Bereich Zwettl waren durchschnittlich jeden Tag 400 bis 500 Feuerwehrleute im Einsatz sowie 70 bis 100 Soldaten. Sie haben getreu ihrem Schwur bis zur Erschöpfung gearbeitet, es war kein einziger Drückeberger dabei. Die Feuerwehrkräfte haben sich auf Personenrettung und das Auspumpen konzentriert. Wo es möglich war, haben wir mit Hochdruck gereinigt. Das Rote Kreuz hat sich außerdem um die Verpflegung gekümmert, auch unsere Partnerstadt Plochingen hat eine Einsatzmannschaft geschickt. Ich selbst stand laufend über Funk in Kontakt mit den Feuerwehrkommandanten im Bezirk. Es war eine sehr intensive Zeit: Wenn ich zwei, drei Tage nicht zum Schlafen gekommen bin, habe ich mich tagsüber kurz in den Schlafraum unserer Alarmzentrale gelegt.

Wie haben Sie die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung erlebt?

Brandstötter: Die Bevölkerung war sehr hilfsbereit. Es haben Frauen über Umwegen, etwa über die Zugbrücke, Torten und Kuchen zu den Betroffenen gebracht, niemand musste Hunger leiden. Beim Hochwasser sind Unmengen an Sperrmüll angefallen. Es gab viel persönliches Leid, manche Leute hatten kein Bett mehr.

Nicht Betroffene haben mit Sachspenden geholfen, es gab auch viele Zwettler, die beachtliche Geldspenden getätigt haben. Viele Firmen haben geholfen, darunter eine Mineralwasserfirma, die uns einen Lkw voll Wasser für die Soldaten gebracht hat. Andere Betriebe haben uns Scheibtruhen und Schaufeln gespendet.

Es gab auch ein enormes Medienecho, alle ausländischen Fernsehsender waren da, von BBC bis RTL.

Wie lange dauerten die Aufräumarbeiten?

Brandstötter: Wir waren ungefähr drei Wochen beschäftigt. Für bleibende Schäden gab es eine Schadenskommission, das wurde nach und nach behoben. Der letzte Keller, der ausgepumpt wurde, war unser eigener im Feuerwehrhaus.

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