Historiker über Corona, Eiszeit und die alten Römer. Der Historiker Johannes Preiser-Kapeller erklärt, welche Auswirkungen Pandemien haben und wie man das Klima von vor 1.000 Jahren untersucht.

Von Markus Füxl. Erstellt am 29. April 2021 (05:51)

NÖN: Woher kam Ihr Interesse an der Geschichte?

Johannes Preiser-Kapeller: Meine Begeisterung für das Mittelalter und Byzanz ist mit meinem Geschichts- und Lateinprofessor am Zwettler Gymnasium, Bruno Baumgartner, verbunden. Er hat mich auch während der Vorbereitung auf meine Fachbereichsarbeit vor der Matura bereits ans Universitätsinstitut mitgenommen. Das war auch der Start für mein Interesse an globaler Geschichte. Das byzantinische Reich ist dafür ja ein idealer Ausgangspunkt.

Die Byzantinistik ist ja kein „populärer“ Zweig der Geschichtsforschung. Was ist dabei das Spannende?

Preiser-Kapeller: Das byzantinische Reich ist ja die Fortsetzung des römischen Reiches und steht zwischen Antike und Neuzeit. Es ist ein Kreuzungspunkt von Europa, Afrika und Asien. Das spielt im Bewusstsein der Öffentlichkeit aber keine große Rolle. So musste ich schon während meines Studiums immer wieder erklären, was das eigentlich ist. Es kam zum Teil zu Missverständnissen: Die Schwester eines Schulkollegen meines jüngeren Bruders dachte zuerst an den waldviertlerischen Pilz „Büss“ und dass ich Schwammerl suche (lacht).

Sie haben vor kurzem zwei Buchbände veröffentlicht. Worum geht es darin?

Preiser-Kapeller: Der Untertitel lautet bei beiden Bänden: „Klima, Pandemien und der Wandel der Alten Welt.“ Es geht darum, wie sich Gesellschaften über 10.000 Jahre hinweg neuen Risiken ausgesetzt haben. Zum einen ist das die Verwundbarkeit gegenüber dem Klima mit dem Sesshaftwerden. Zum anderen gab es aufgrund des Vordringens in neue Ökozonen, der höheren Bevölkerungsdichte und der stärkeren Vernetzung auch mehr Gelegenheit für Krankheitserreger, sich zu verbreiten und über Haustiere auf den Menschen überzugehen. Ich versuche zu zeigen, dass das ungewollte Nebeneffekte dessen sind, was wir als Fortschritt und Wachstum der menschlichen Aktivität bezeichnen, und dass das auch zu Krisen führen kann.

War Corona ein Auslöser, sich mit dem Thema „Pandemien“ auseinanderzusetzen?

Preiser-Kapeller: Nein, die Arbeit an den Büchern begann 2014. Dass Corona dazwischen kam, war ein Zufall, der mir auch erlaubt hat, schneller zu schreiben, weil andere Dinge nicht mehr möglich waren. Mein Verlag sagt mir, dass sich die Bücher ganz gut verkaufen, weil sie zum aktuellen Thema passen. Ich hätte aber trotzdem – so wie jeder – gerne auf Corona verzichten können. Es hat mich beim Schreiben aber natürlich auch beeinflusst.

Inwiefern?

Preiser-Kapeller: Als Historiker denkt man oft: „Das können die Leute damals jetzt aber nicht geglaubt haben.“ Bei Corona sieht man aber, dass manche Menschen auch heute an Verschwörungstheorien glauben.

Wie muss man sich die Arbeit für solche globalhistorischen Bücher vorstellen?

Preiser-Kapeller: Ich beherrsche Griechisch, Latein und Altarmenisch. Bei anderen Sprachen muss ich natürlich mit Experten zusammenarbeiten und auch Originalquellen überprüfen. In Japan war ich etwa an einer Ausgrabungsstätte, wo im 6. Jahrhundert ein Ort von einem Vulkan verschüttet wurde. Das ist das „Pompeji von Japan“. Es ist notwendig, als Forscher aus dem eigenen „Silo“ hinauszugehen, in den Austausch zu treten und sich die Neugierde zu bewahren.

In den Büchern geht es auch um Klimaveränderungen: Wie können Sie das Klima von vor tausenden Jahren heute untersuchen? Sie sprechen von zwei Arten von Archiven...

Preiser-Kapeller: Das ist eine Idee des Schweizer Pioniers der Klimageschichtsforschung, Christian Pfister: Einerseits gibt es Archive der Gesellschaft, also alles, das von Menschen aufgeschrieben wurde. So gibt es etwa Aufzeichnungen über den Beginn der Kirschblüte in Japan, die mehr als 1.000 Jahre zurückgehen. Das kann man mit den Archiven der Natur kombinieren, also mit Naturphänomenen, die in ihrer physikalischen oder chemischen Zusammensetzung von klimatischen Parametern ihrer Zeit abhängen. Das Eingängigste sind die Baumringe. Die am weitesten zurückverfolgbare Baumringreihe geht über 12.000 Jahre. Andere Beispiele sind die Zusammensetzungen der Ablagerungen aus Tropfsteinhöhlen, die über den Niederschlag informieren. Man kann auch Spuren früherer Umweltverschmutzung identifizieren: Die Bleiemissionen des Bergbaus der Römerzeit sind in die Atmosphäre gelangt und als Schnee in Grönland niedergegangen. Dort gibt es Schichten, die eine extrem hohe Bleivergiftung zeigen.

Stichwort Schnee: Sie titeln etwa mit „Der Lange Sommer und die Kleine Eiszeit“ – ab wann ist eine Eiszeit klein?

Preiser-Kapeller: Die großen Eiszeiten dauern tausende Jahre, die letzte ist vor 10.000 Jahren zu Ende gegangen. Dabei kam es auch zu Vereisungen von Teilen der Nordhalbkugel, ein Eisschild reichte bis nach Deutschland. Kleine Eiszeiten sind Phasen, in denen für einige Jahrhunderte die Durchschnittstemperatur niedriger ist und es zu kleinflächigem Wachstum von Gletschern kommt.

Sind die aktuellen Herausforderungen mit Klimawandel, Pandemie und Artenschwund historisch betrachtet einzigartig, oder gab es in der Geschichte bereits vergleichbare Krisen?

Preiser-Kapeller: Dass der Mensch in Ökozonen eindringt, sie zu seinem Nutzen verändert und dabei unbeabsichtigt Dinge freisetzt, die er nicht kontrollieren kann – zum Beispiel dass Krankheitserreger auf Haustiere und Menschen überspringen –, ist immer wieder passiert. Auch Umweltverschmutzung können wir vor 3.000 Jahren beobachten. Neu ist die Dimension und Geschwindigkeit. Die frühen Veränderungen, die ich im Buch beschreibe, finden viel langsamer statt. Das ist beim modernen Klimawandel ganz anders. Ökologen sprechen von einem neuen Massensterben, das mit dem vergleichbar ist, was am Ende der Kreidezeit passierte, als die Dinosaurier ausstarben. Dass so schnell so viele Tierarten von der Erde verschwinden, ist also etwas sehr Neues. Das zeigt sich auch bei der Bevölkerungsentwicklung: Zu Christi Geburt gehen wir von 200 bis 300 Millionen Menschen auf dem Planeten aus, heute sind es acht Milliarden.

Was können und sollten wir aus der Geschichte lernen?

Preiser-Kapeller: Es ist wichtig, bei den Prozessen nicht nur Pläne zu entwickeln, sondern sich auch über die Lastenverteilung klar zu werden: Wer trägt die Kosten und wer ist in welchem Ausmaß von einer Krise betroffen? Es bedarf eines genauen Blicks in die Gesellschaft: Wenn in einer Krise Menschen leiden, während andere davon profitieren, zerbricht auch der gesellschaftliche Zusammenhalt. Das ist aktuell bei Corona zu sehen, aber eben auch beim Klimawandel. Ärmere Länder wie in der Sahelzone oder Inseln im Pazifik leiden sehr stark. Es gibt Forderungen, dass das Fliegen und Fleisch teurer werden müssen. Heißt das im Umkehrschluss, dass sich nur mehr die Reichen das Fliegen und das Schnitzel leisten können? In einer modernen Demokratie muss ein gesellschaftlicher Konsens bei diesen Problemlösungen eine ganz zentrale Rolle spielen.

Sie schreiben in beiden Bänden über den Zusammenhang von Klimawandel, Pandemien und gesellschaftlichen Veränderungen. Wenn wir 5.000 Jahre weiterdenken: Wird in den Schriften der Historiker der Zukunft die Coronapandemie eine Fußnote oder ein großes Kapitel sein?

Preiser-Kapeller: Das ist schwer zu sagen. Wenn wir als Beispiel die Spanische Grippe von 1918/1919 nehmen: Sie ist aktuell in aller Munde. Hätte man die Leute vor zwei Jahren dazu befragt, hätten vermutlich die wenigsten die Details gewusst. Das ist natürlich auch überlagert vom Ende des Ersten Weltkriegs. Dass bei der Spanischen Grippe aber mehr Menschen gestorben sind als im Ersten Weltkrieg, war lange nicht im Bewusstsein. Das historische Gedächtnis ist also sehr selektiv. Wie man die Coronapandemie historisch einordnen wird, hängt davon ab, wie wir sie bewältigen. Forscher warnen ja, dass das nächste Virus schon um die Ecke lauert. Ich würde sagen, dass wir froh sein können, wenn in 5.000 Jahren noch Menschen über die menschliche Geschichte schreiben. Wir sind in einem Status, in dem die nachhaltige Fähigkeit der Menschen, auf diesem Planeten weiter zu existieren, durchaus ein Problem werden könnte. Dann sind 5.000 Jahre schon optimistisch betrachtet.

Sie beschäftigen sich bei Ihrer Arbeit mit Imperien quer durch die Geschichte. Ist Ihnen dabei ein Herrscher untergekommen, der Ihnen persönlich besonders sympathisch ist?

Preiser-Kapeller: Obwohl Historiker manchmal dazu neigen, manche Herrscher besonders gerne zu haben, gehöre ich nicht in diese Gruppe. Generell hätte ich mit den meisten Herrschern nicht gerne zu Abend gegessen. Das sind in der Regel unerfreuliche Gestalten. Oft setzten sie Maßnahmen, bei denen es ganz schlimm daneben gegangen ist, und wo sie ihre Ressourcen bis zum Zusammenbruch eines ganzen Regimes verbraten haben. Spannender sind Einzelinitiativen, wie etwa jene des chinesischen Beamten Hong Hao, der im 12. Jahrhundert ohne Rücksicht auf seine eigene Karriere einen Schiffstransport gestoppt hat, um seine Provinz zu versorgen. Das hätte ihm den Kopf kosten können. Gleichzeitig lief damals ein großes Projekt des Kaisers, der einen ganzen Fluss umleiten wollte. Da wurden Milliarden wortwörtlich versenkt. Wer aber die Initiative vor Ort ergreift, nicht an seinen Vorteil denkt und tausende Menschen rettet, ist für mich ein Held der Geschichte. Wenn man im Lauf der Menschheit öfter auf solche Leute gehört hätte und nicht auf die großen Blender, wäre wahrscheinlich einiges besser gelaufen...