Studie zeigt Nazi-Täter in neuem Licht

Erstellt am 06. Januar 2021 | 04:45
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Neue Akten belegen: Dank lokaler Seilschaften kamen die Kreisleiter nach 1945 glimpflich davon.
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Sie hießen Hans Lukas, Ludwig Uhl und Hermann Reisinger. Und sie waren drei von 22 Kreisleitern, die in der Nazi-Diktatur die tatsächlichen Machthaber in den Regionen waren. Trotz unzähliger Verbrechen kamen sie nach Kriegsende glimpflich davon. Das zeigt die erste historische Abhandlung, die sich mit dem Leben aller NÖ-Kreisleiter beschäftigt.

Der Historiker Hans Schafranek machte sich im Auftrag des NÖ Landesarchivs auf die Suche nach den Biografien der Kreisleiter und wurde dabei im Berliner Bundesarchiv fündig. „Diese ergeben oft ein anderes Bild als die bisher zugängigen Volksgerichtsakten, die sich vorwiegend auf die Angaben der Täter stützten“, erklärt Schafranek.

Viele Nazis in Krems und Waidhofen/Ybbs

In Berlin stieß er zudem auf SA-Personalakten, die auch die Laufbahnen der 1.605 Angehörigen der „Österreichischen Legion“ aus Niederösterreich beinhalten.

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Foto: NOEN

Hier zeigt sich, dass neben der berüchtigten Nazi-Hochburg Krems auch Waidhofen/Ybbs ein Hort des Nationalsozialismus war. Schafranek erklärt das mit einem tief verankerten Antisemitismus, der hier bereits im 19. Jahrhundert salonfähig geworden war.

Ein frühes Beispiel dafür ist der „Waidhofner Beschluss“, mit dem 1893 alle jüdischen Professoren und Studenten aus den deutsch-nationalen Hochschulverbindungen ausgeschlossen wurden. 1923 führten die Wirtschaftstreibenden in Waidhofen (und anderen Orten im Ybbstal) den ersten „Arierparagraphen“ ein. Er verwehrte Juden den Besitz von Kinos.

An sich waren Krems und Waidhofen/Ybbs untypisch – denn generell beteiligten sich unterdurchschnittlich wenige Niederösterreicher an der Legion. Deren Ziel war es, nach dem österreichweiten Verbot der NSDAP 1933 von Deutschland aus in Österreich einen NS-Staat zu etablieren.

Ironie am Rande: Als Hitlers Truppen 1938 in Österreich einmarschierten, hatten die Legionäre das Nachsehen. Sie durften erst drei Wochen später nachrücken. Die Macht hatten sich da schon die illegalen Nazis gesichert, die in Österreich geblieben waren.

Gemeinsam war Legionären und Kreisleitern die Sozialisierung in deutsch-nationalen Turnerverbänden sowie die illegale Mitgliedschaft in der NSDAP. Gemeinsam war ihnen auch der meist geringe formelle Bildungsgrad – die einzige Ausnahme war der Badener Kreisleiter Hans Poinstingl, ein promovierter Jurist. Insgesamt trennte die beiden Tätergruppen aber mehr als sie vereinte, betont Schafranek.

So spielten die Legionäre im Nazi-Österreich politisch keine Rolle – kein einziger bekleidete wichtige politische Ämter. Stattdessen bereicherten sie sich überdurchschnittlich häufig bei Zwangsarisierungen, rafften Häuser und Firmen jüdischer Mitbürger an sich – und das in allen Teilen des Landes. Die Kreisleiter wiederum waren räumlich kaum mobil. Sie waren meist dort Kreisleiter, wo sie vor 1938 bereits als illegale Nazis agierten. „Sie hatten dadurch ein sehr hohes Maß an sozialer Kontrolle“, weiß Schafranek.

Geringe Strafen trotz bewiesener Taten

Dieser Stellenwert in der lokalen Gesellschaft dürfte auch nach 1945 hilfreich gewesen sein. Anders ist nicht zu erklären, dass die meisten Kreisleiter trotz nachgewiesener Verbrechen nur wenige Jahre ins Gefängnis mussten.

Ein besonders krasses Beispiel ist der Zwettler Kreisleiter Hermann Reisinger. Ihm gelang es, sich dank lokaler Seilschaften im Volksgerichtsprozess als „Judenfreund“ und „Schützer politisch Bedrängter“ darzustellen. Mit Ende des Prozesses kam er am 17. Mai 1946 bereits frei, obwohl die Mindeststrafe für Kreisleiter laut Kriegsverbrechergesetz bei 10 Jahren Kerker lag.

Tatsächlich zeigt der Blick in die Akten, dass sich Reisinger nicht nur fürstlich entlohnen ließ, sondern in Berlin als besonders vorbildlich galt. So stellte er in den letzten Kriegstagen noch zehn Volkssturm-Bataillone auf und ging beinhart gegen Zivilisten vor.

Ein anderer krasser Fall war der Gmünder Kreisleiter Hans Lukas. Unter seiner Verantwortung starben 1945 in einem provisorisch eingerichteten Lager in nur zwei Monaten 446 ungarische Juden. Obwohl mehrere Zeugen die Taten des fanatischen Nationalsozialisten vor dem Volksgericht bezeugten, war Lukas bereits 1951 wieder in Freiheit. Und selbst Ludwig Uhl, Kreisleiter von Lilienfeld, war 1954 wieder frei: Er hatte wenige Tage vor Kriegsende in Hohenberg sechs Pfleglinge ermorden lassen – was auch in diesem Fall mehrere Zeugen vor Gericht belegten.

„Obwohl die Urteile besonders mild ausfielen, mussten die Kreisleiter im Schnitt nur ein Drittel der verhängten Haftstrafe absitzen“, fasst Schafranek zusammen. Zum Tode verurteilt wurde nur der Neunkirchner Kreisleiter Johann Braun: Er ordnete persönlich im April 1945 die standgerichtlich getarnte Ermordung von fünf angeblich „Fahnenflüchtigen“ an. Braun wurde dafür wie zwei Mittäter 1948 hingerichtet.